Erklärung des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz zur Diskussion um die kirchlichen Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen im Zusammenhang des Schreibens von Papst Johannes Paul II. vom 11. Januar 1998

 

Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat sich bei seiner ordentlichen Sitzung vom 25./26. Januar 1998 intensiv mit dem Schreiben von Papst Johannes Paul II. vom 11. Januar 1998 zu den kirchlichen Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, mit der Reaktion aus der Kirche und dem Echo in der Gesellschaft beschäftigt. Im Anschluß daran wird folgendes erklärt:

Das Schreiben des Papstes an die deutschen Bischöfe nimmt Bezug auf eine mehrjährige Diskussion über das Verhältnis der kirchlichen Beratungsstellen zum staatlich anerkannten System der Schwangerenkonfliktberatung. Der Hl. Vater hat uns Bischöfen einen verstehenden und brüderlichen Brief geschrieben, der um die nicht leichte Problematik und die verschiedenen Positionen in unserer Kirche weiß.

Das Schreiben des Papstes und der offizielle Kommentar, veröffentlicht im L'Osservatore Romano vom 27. Januar 1998, sind in einer Sprache geschrieben, die weitgehend auf theologische Fachterminologie verzichtet. Gerade darum bedarf das Schreiben einer sorgfältigen und differenzierten Analyse, ohne daß von außen herangetragene Vor-Urteile maßgebend werden dürfen.

Wir danken dem Hl. Vater, daß er die Bemühungen der Kirche in unserem Land für die Rettung des Lebens ungeborener Kinder auf allen Ebenen ausdrücklich anerkennt, ganz besonders auch im Blick auf die Beraterinnen, und die Bischöfe ermutigt, nach Kräften und wirksam die Beratungstätigkeit fortzusetzen. Gerade in den letzten Tagen ist in der öffentlichen Meinung offenbar geworden, welche hohe Anerkennung die kirchlichen Beratungsstellen auch außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft gefunden haben. Wir haben Grund, für die Tätigkeit dieser Beratungsstellen mit dem Hl. Vater dankbar zu sein.

In dem Schreiben unterstreicht der Papst mehrmals und deutlich die grundlegende Einmütigkeit zwischen dem Hl. Stuhl und den deutschen Bischöfen in der Lehre der Kirche zum Schutz des ungeborenen Kindes und in der Verurteilung der Abtreibung wie auch in der Notwendigkeit einer umfassenden Beratung schwangerer Frauen in Not.

Wie in der bisherigen Diskussion spitzt sich das Problem auf die Interpretation und Bewertung des Beratungsscheins zu. Der Nachweis einer Beratung, die ausschließlich dem Schutz des ungeborenen Kindes dienen soll, kann unter bestimmten Voraussetzungen leider auch dazu gebraucht werden, eine straffrei bleibende Abtreibung vorzunehmen, auch wenn diese rechtswidrig bleibt. Dieses Bewußtsein der Unrechtmäßigkeit hat sich in unserer Gesellschaft allerdings zu wenig durchsetzen können, so daß nicht zuletzt dadurch der "Schein" in ein gewisses Zwielicht gekommen ist. Daran hat auch eine manchmal undifferenzierte Bewertung des Scheins einen gewissen Anteil. Zugleich hat sich die gesellschaftliche Bewußtseinslage für die Rettung des bedrohten ungeborenen Kindes in letzter Zeit durch verschiedene Vorgänge verschlechtert. Wir müssen mit Enttäuschung zur Kenntnis nehmen, daß der Beratungsschein in einem solchen "Klima" seine vom Gesetz intendierte Wirkung nur bedingt bzw. kaum entfalten kann und vor der zweideutigen Annahme, es könnte ein "Recht auf Abtreibung" geben, nicht genügend geschützt werden kann.

Vor diesem Hintergrund schreibt der Hl. Vater: "Deshalb möchte ich Euch, liebe Brüder, eindringlich bitten, Wege zu finden. daß ein Schein solcher Art in den kirchlichen oder der Kirche zugeordneten Beratungsstellen nicht mehr ausgestellt wird. Ich ersuche Euch aber, dies auf jeden Fall so zu tun, daß die Kirche auf wirksame Weise in der Beratung der hilfesuchenden Frauen präsent bleibt."

Wir werden dieser Bitte Folge leisten. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die kirchliche Beratung vermindert wird. Im Gegenteil: Wir werden sie noch verstärken. Der Papst selbst wünscht ausdrücklich, daß wir die im staatlichen Beratungssystem gegebenen Spielräume zur Rettung des ungeborenen Kindes "soweit wie möglich" nützen. Von einer Aufforderung, aus der gesetzlichen Beratung auszusteigen, kann also keine Rede sein.

Es geht nicht darum, daß die Kirche ihre Anstrengungen vermindert, schwangere Frauen in Not zu beraten und ihnen Hilfen anzubieten. Diese Konfliktberatung, wo es um Leben und Tod des ungeborenen Kindes geht, soll nur ferngehalten werden vom Anschein der Zweideutigkeit und einer Verdunkelung des lebendigen Zeugnisses für das Lebensrecht des ungeborenen Kindes.

Wir machen keine Abstriche im Angebot und in der Qualität der Beratung für schwangere Mütter in Not. Wir werden, wie vom Papst vorgeschlagen, nach Wegen suchen, wie wir ohne einen solchen Schein auch in Konfliktsituationen eine wirksame Beratung durchführen können. Wir werden uns um eine Fassung der Beratungstätigkeit bemühen, die ohne einen Schein der bisherigen Art erfolgt. Dabei sind wir uns bewußt, daß es wohl keinen Lösungsweg geben kann, der nicht auch Nachteile in sich birgt und Bedenken auslösen kann.

Wir haben beschlossen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen. Ihr wird der Auftrag erteilt, genauer nach möglichen neuen Wegen zu suchen, die dem Anliegen des Papstes und unserem Anliegen entsprechen, daß die Kirche auf wirksame Weise in der Beratung hilfesuchender Frauen präsent bleibt. Wir werden zu gegebener Zeit eine entsprechende Neufassung der Ordnung unserer Beratungsstellen in Kraft setzen.

Da wir bereit sind, unsere intensive und weithin anerkannte Beratung fortzusetzen, bitten wir auch die Politikerinnen und Politiker, nach Wegen zu suchen, wie dies ohne die Zweideutigkeit des "Scheins" im bisherigen Sinne möglich ist. In diesem Zusammenhang erinnern wir auch an den Auftrag, den das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung vom 28. Mai 1993 an den Gesetzgeber gerichtet hat: "Er bleibt vielmehr aufgrund seiner Schutzpflicht weiterhin dafür verantwortlich, daß das Gesetz tatsächlich einen - unter Berücksichtigung entgegenstehender Rechtsgüter - angemessenen und als solchen wirksamen Schutz vor Schwangerschaftsabbrüchen bewirkt. Stellt sich nach hinreichender Beobachtungszeit heraus, daß das Gesetz das von der Verfassung geforderte Maß an Schutz nicht zu gewährleisten vermag, so ist der Gesetzgeber verpflichtet, durch Änderung oder Ergänzung der betreffenden Vorschriften auf die Beseitigung der Mängel und die Sicherstellung eines dem Untermaßverbot genügenden Schutzes hinzuwirken (Korrektur- oder Nachbesserungspflicht)."

Auch wenn der Hl. Vater uns durch seinen Brief vom 11.1.1998 eine schwierige Aufgabe übertragen hat, so sind wir doch der Überzeugung, daß eine an diesem einen Punkt erneuerte Fassung der Beratungstätigkeit zum Wohl unserer Gesellschaft sein wird und den schwangeren Frauen in Not besser dienen kann. Die Regelung der Einzelheiten hat er den Bischöfen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überlassen.

Würzburg, 26. Januar 1998

 


 

Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,Bischof Karl Lehmann, zur Eröffnung der Pressekonferenz im Zusammenhang der Veröffentlichung des Schreibens von Papst Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe vom 11. Januar 1998 über die Schwangerenkonfliktberatung

 

Die jahrelange Diskussion über die rechte Zuordnung der kirchlichen Schwangerschaftsberatungsstellen zur staatlich geregelten Beratung hat mit dem Schreiben von Papst Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe ein vorläufiges Ende gefunden, zugleich ist dies auch nicht mehr als eine erste Etappe in der genaueren Ausgestaltung der künftigen kirchlichen Beratungstätigkeit.

Papst Johannes Paul II. bittet die Bischöfe, Wege zu finden, daß ein Beratungsschein bisheriger Art künftig nicht mehr ausgestellt wird. Zugleich schärft das freundliche, in vieler Hinsicht einfühlsame und solidarische Schreiben mehrfach ein, daß die Kirche alles tut, um auf wirksame, kraftvolle Weise in der Beratung der hilfesuchenden Frauen gegenwärtig zu bleiben. Von einem Ausstieg kann nicht die Rede sein. Dies gilt für die kirchliche Beratung von schwangeren Müttern in Not, überhaupt aber auch für die gesetzliche Schwangerenberatung und sogar für die Konfliktberatung im engeren Sinne.

Die Beratung soll sogar intensiviert werden. Die Bischöfe werden aufgerufen, "daß die Kirche in dieser Frage - um der ungeborenen Kinder willen - die vom Staat eröffneten Spielräume des Leben und der Beratung so weit wie möglich nutzen muß und nicht die Verantwortung auf sich nehmen kann, mögliche Hilfeleistung unterlassen zu haben." (Nr. 6) Der Papst bezieht dies ausdrücklich auf das Schwangeren- und Familiehilfeänderungsgesetz vom 21.08.1995 und appelliert an die schöpferischen und innovativen Kräfte, dafür neue Wege zu suchen.

Papst Johannes Paul II. sieht nämlich im bestehenden Beratungsschein, der eine notwendige Voraussetzung ist für eine straffreie Abtreibung, die grundlegende Gefahr, daß die ganze Beratung wegen dieses Gebrauchs des Scheins von einer tiefen Zweideutigkeit geprägt werden könnte. Er möchte nicht hinnehmen, daß das Zeugnis der Kirche vom unbedingten Lebensschutz dadurch verdunkelt wird und die Kirche selbst sich in die Gefahr einer Mitverantwortlichkeit für die Tötung ungeborenen Lebens bringen und so sich in Unrecht verwickeln könnte. Ein solcher Schein soll nicht mehr ausgestellt werden.

Damit ist klar, daß sich das in den letzten Tagen oft maßlos übertriebene Problem reduziert auf die Gestalt und Funktion der Beratungsbescheinigung in Konfliktsituationen. Die Kirche wendet sich besonders den Frauen zu, die zunächst allein in der Abtreibung einen Ausweg aus ihrer Not sehen. Um sie möchten sich die Beratungsstellen auch künftig mit hohem Einsatz kümmern. Kein Mensch will gerade diese Frauen - wie immer wieder behauptet wird - in ihrer Not allein lassen. Man darf jedoch bei aller intensiven Sorge um diese wichtige Gruppe nicht vergessen, daß ungefähr 85% der in den kirchlichen Beratungsstellen anklopfenden Frauen keinen Beratungsschein verlangen. Der Papst sagt mit aller Deutlichkeit, daß die Kirche "den Weg des Gesetzgebers in einem konkreten Punkt nicht mitgehen kann" (Nr. 8). Darum geht es, um nicht weniger, aber auch um nicht mehr. Daß wir uns mit den Zweideutigkeiten des Gesetzes von 1995 nicht abfinden wollen, haben wir immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Wir Bischöfe haben bisher mit großer Mehrheit das Bleiben im staatlichen Beratungssystem verteidigt. Wir hatten gute Gründe dafür, eine zielorientierte Beratung zur Rettung des Lebens des ungeborenen Kindes und zur Hilfe für die Mutter mit aller Entschiedenheit zu nützen. Den Beraterinnen gehört Dank, daß sie diesen schwierigen Dienst über eine lange Zeit trotz Anfechtungen mit großem Verantwortungsbewußtsein erfüllt haben und erfüllen. Wir können jedoch auch nicht übersehen, daß die gesellschaftliche Bewußtseinslage im Blick auf den Schutz des menschlichen Lebens überhaupt und besonders des ungeborenen Kindes wachsende Einbußen aufweist. Ich gehe dabei nicht nur von der noch nicht so aussagekräftigen, aber doch besorgniserregenden Statistik des Bundesamtes in Wiesbaden aus, sondern sehe in dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Erster Senat) vom 15.12.1997 über das Kind als Schadensquelle, in der Gegensätzlichkeit beider Senate, im Ansteigen des Anteils verheirateter Frauen an den Abtreibungen auf 52% und in skandalösen Einzelfällen bei der Abtreibung auf Grund der medizinischen Indikation bis beinahe zur Geburt im einzelnen und im ganzen erschreckende Symptome eines Niedergangs der Sensibilität für die Würde des ungeborenen Lebens. Was ist dies für ein Gemeinwesen, wenn es so vielen ungeborenen Kindern die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft verweigert? Was ist mit unserer Sorge für die Armen, wenn wir den Schwächsten und am meisten Wehrlosen elementare Hilfe zum Leben versagen? Es tröstet mich nicht, wenn die Würde des menschlichen Lebens auch anderswo immer mehr mit Füßen getreten wird, von willkürlichen Experimenten im Labor über sexuellen Mißbrauch bis zur Verrohung menschlicher Sitten und zur Gewaltanwendung, im Gegenteil.

In einer solchen Situation haben wir für eine gewiß sachgerechte, aber auch komplizierte und differenzierte Deutung des Beratungsscheins, gewissermaßen auf Fachebene, keine guten Karten, weil der Schein durch den dargelegten Trend in ein immer stärkeres Zwielicht gekommen ist. Dabei hat freilich auch manche Verteufelung mitgespielt. Daß der Schein notwendige Bedingung - aber nicht die einzige - für eine straffreie Abtreibung ist, freilich nicht deren entscheidende Ursache, erschien nicht wenigen wie eine Art "Recht auf Abtreibung". Es ist sträflich vernachlässigt worden, daß die Abtreibung trotz der erklärten Straffreiheit ein Unrecht bleibt, weil das eigene Lebensrecht des ungeborenen Kindes ignoriert und mißachtet wird. Es ist ein Skandal, daß dieses unbestreitbare Gegengewicht zur Straffreiheit im gesellschaftlichen Bewußtsein eine äußerst geringe Rolle spielt. Um so mehr kam der Schein in ein Zwielicht.

Ich habe in den letzen Jahren persönlich und in meinem Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz bewußt und mit allem Ernst die Aufgabe eines Anwalts der kirchlichen Beratungstätigkeit übernommen, aber mich hat diese Entwicklung auch immer nachdenklicher gemacht. Ich konnte auch oft erkennen, nicht zuletzt in unseren römischen Gesprächen, an denen auch viele Menschen anderer Sprachen und Kulturen mitwirkten, daß die im Gesetz intendierte, gute Absicht mit dem Beratungsschein nur sehr schwer oder gar nicht zu vermitteln war. Man hatte auch Sorge, dieses Modell könnte verzerrt und vergröbert eine unheilvolle exemplarische Rolle für andere Länder spielen. Es besteht auch kein Zweifel, daß die Auseinandersetzung über den Schein in diesem "Klima" nicht nur viele katholische Christen in unserem Land, sondern auch andere Christen in einen langen und oft heftigen Streit gebracht hat. Nicht erst der Papst hat uns in eine Zerreißprobe gestürzt. Jetzt kommt sie bloß an den Tag.

Papst Johannes Paul II. ist der Ansicht, daß die Kirche in einem solchen "Milieu" sich fast unvermeidlich verstrickt, an Eindeutigkeit ihres Eintretens für das Lebensrecht und Glaubwürdigkeit verliert. Er will um keinen Preis schwangere Frauen in Not allein lassen und die Beratungstätigkeit reduzieren oder gar aufgeben. Die Veröffentlichung des Briefes und des Kommentars am heutigen Tag fegt hoffentlich solche Mißdeutungen weg. Aber der Papst möchte ein unüberhörbares Signal setzen, daß die rettende und heilende Beratung der Kirche grundlegend andere Wege geht als Beratungen, die nur zum Schein diesen Namen tragen, Schein-Beratungen im doppelten Sinne des Wortes sind ("Protokollberatungen") und das eigene Lebensrecht des ungeborenen Kindes mit Füßen treten. Der Papst glaubt nicht, daß man diese Situation durch ein "Mitgehen", sondern nur durch eine alternative Wende verändern kann. Dies mag eigensinnig und querköpfig aussehen, hat aber zweifellos auch eine eigene Chance, nämlich die eigenständige Position in aller Öffentlichkeit klar zu markieren und mit einer provozierenden Kontrast-Entscheidung zu einer eindeutigen Umkehr zum Leben zu bewegen.

Darüber kann man verschiedener Meinung sein, aber man kann einem solchen Weg, seiner Eindringlichkeit und Orientierungskraft den Respekt nicht versagen. Der Papst ist der festen Überzeugung, daß er durch diesen klaren Widerspruch die Gewissen vieler Ratsuchender anrührt und in der Gesellschaft als mahnender Aufruf wirkt. Indem die Kirche durch diesen energischen Zwischenruf das öffentliche Gewissen schärft, dient sie letztlich auch dem Wohl des Staates, "einem Staat, der die Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person, besonders der schwächsten, als eine vorrangige Pflicht anerkennt" (Enzyklika "Evangelium Vitae", Nr. 8 des Briefes).

Wir Bischöfe haben uns am 25./26. Januar intensiv mit der dadurch entstandenen Lage beschäftigt. Wir hatten ein sachliches, von gemeinsamer Verantwortung geprägtes Gespräch. Wir wollten auch keine Scheineinheit, sondern haben uns aneinander abgearbeitet und sind nach einigem Ringen einstimmig (ohne Enthaltungen) zu der gemeinsamen Erklärung vom 26.01. gekommen. Es ist ein notwendigerweise vielschichtiges Dokument, in dem wir jedoch mit aller Klarheit sagen: Wir werden der Bitte des Papstes Folge leisten. Wir werden deswegen jedoch in keiner Weise "aussteigen", vielmehr alle im staatlichen Beratungssystem gegebenen Spielräume "so weit wie möglich" nützen. Wir werden nach Wegen suchen, wie wir ohne einen Schein der beschriebenen Art auch künftig in Konfliktsituationen eine wirksame Beratung durchführen können.

Wir haben solche Wege andiskutiert, aber wir haben noch keine ausreichende Klarheit, die schon zu einem Beschluß hätte führen können. Die Früchte sind noch nicht reif, eher sind es noch unausgegorene Ideen, ob es zum Beispiel statt des Schein in der bisherigen Form einen Beraterbrief, eine Art eidesstattlicher Erklärung, eine Rückfrage des abtreibenden Arztes bei der Beratungsstelle usw. geben könnte. Aber dies waren nur bescheidene Geistesblitze, von denen wir im jetzigen Stadium selbst noch nicht überzeugt sind. Deshalb haben wir beschlossen, in der Frühjahrs-Vollversammlung der Bischofskonferenz zu Beginn des Monats März eine Arbeitsgruppe zu bilden, die den Auftrag hat, nach möglichen neuen Wegen genauer zu suchen. Wir werden zu gegebener Zeit eine entsprechende Neufassung der Ordnung unsere Beratungsstellen in Kraft setzten. Die "Vorläufigen Bischöflichen Richtlinien", die der Papst ausdrücklich anerkennt, sind ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung.

Wir wissen - dies steht im Kommentar (Nr. 4) -, daß der Papst uns zwar drängt, wir aber auch selbst über den rechten Zeitpunkt einer Kurskorrektur entscheiden können. Wir wissen nicht, wie lange diese Suche geht. Bis zu diesem Zeitpunkt werden wir in der bisherigen Weise beraten, dabei freilich noch sorgsamer die Bedenken des Papstes erwägen. Wir sind uns auch bewußt, "daß es wohl keinen Lösungsweg geben kann, der nicht auch Nachteile in sich birgt und Bedenken auslösen kann". Wir leben in einer immer wieder von der Macht der Sünde angefochtenen und beherrschten Welt. Abtreibung ist etwas, was nicht sein soll und die auch nicht glatt "geordnet" werden kann. Wir werden alle neuen Wege daran messen, wie weit sie diese Zwiespältigkeit mindern und die Überzeugungskraft des christlichen Lebensschutzes möglichst eindeutig zum Ausdruck bringen können.

Der Papst hat mit seinem Schreiben wieder Diskussionen über das Lebensrecht des ungeborenen Kindes und damit beunruhigende Bewegung in unsere Gesellschaft gebracht. Wir wollen in dieser Frage keine Friedhofsruhe. Es gibt schon zu viele Gräber. Die jetzige Auseinandersetzung um den rechten Weg ist ein Zeichen unserer Stärke, nicht unserer Schwäche. Wir sind überzeugt, daß wir uns diese Auseinandersetzung im Namen des lebenschaffenden Gottes und seiner menschenfreundlichen Weisungen wie "Du sollst nicht töten!" leisten können und müssen. Das Antlitz vieler ungeborener Kinder schaut uns fragend, mahnend, anklagend und ermutigend an. Diesem vielfältigen Anruf müssen wir zuerst gehorsam sein. Darin wollen wir uns von der Einheit mit dem Papst nicht trennen lassen. Wir sind gerade darin vom Evangelium des Lebens her eng miteinander verbunden. Intensive und umfassende Beratung schwangerer Frauen in Not wird darum auch in Zukunft ein Markenzeichen unserer Kirche sein und bleiben.

Mainz, den 27.01.1998

 


 

Papst Johannes Paul II.

Den verehrten Brüdern im Bischofsamt in Deutschland
Gruß und Apostolischen Segen.

 

1. Am 27. Mai 1997 haben wir entsprechend der Bitte von Herrn Bischof Karl Lehmann, dem Vorsitzenden Eurer Bischofskonferenz, miteinander die Fragen über die rechte Zuordnung der katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen zur staatlich geregelten Beratung gemäß dem Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz vom 21. August 1995 besprochen und vertieft. Noch einmal danke ich Euch für diese Begegnung, in der Ihr Euer lebendiges Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Evangelium des Lebens sowie Eure Bereitschaft, in Einheit mit dem Nachfolger Petri die richtige Entscheidung zu finden, zum Ausdruck gebracht habt.

In den seither vergangenen Monaten habe ich die verschiedenen Gesichtspunkte der Frage erneut studiert, mich weiter über sie beraten und das Problem im Gebet vor den Herrn getragen. So möchte ich heute, wie am Ende der Gespräche angekündigt, die erzielten Ergebnisse noch einmal zusammenfassen und gemäß meiner Verantwortung als oberster Hirte der Kirche einige Richtlinien für das künftige Verhalten in den umstrittenen Punkten geben.

2. Eure Bischofskonferenz setzt sich seit Jahrzehnten in unmißverständlicher Weise ein, um die Botschaft von der unantastbaren Würde des menschlichen Lebens in Wort und Tat zu bezeugen. Denn obgleich das Recht auf Leben in der Verfassung Eures geschätzten Landes eine klare Anerkennung findet, hat der Gesetzgeber die Tötung ungeborener Kinder dennoch in bestimmten Fällen legalisiert, in anderen Fällen für straffrei erklärt, auch wenn dabei der Charakter der Unrechtmäßigkeit gewahrt bleibt. Eure Bischofskonferenz hat sich zu Recht mit dem früheren und dem jetzt geltenden Abtreibungsgesetz nicht abgefunden, sondern freimütig und unerschrocken gegen die Abtreibung Stellung genommen. In vielen Ansprachen, Erklärungen, ökumenischen Initiativen und anderen Beiträgen, unter denen besonders das Hirtenwort Menschenwürde und Menschenrechte von allem Anfang an vom 26. September 1996 zu erwähnen ist, habt Ihr den Wert des menschlichen Lebens von der Empfängnis an verkündet und verteidigt.

Im Kampf um das ungeborene Leben muß sich die Kirche in unseren Tagen immer mehr von der sie umgebenden Umwelt unterscheiden. Sie hat dies von ihren Anfängen an getan (vgl. Brief an Diognet 5.1-6.2) und tut es bis heute. "Bei der Verkündigung dieses Evangeliums dürfen wir nicht Feindseligkeit und Unpopularität fürchten, wenn wir jeden Kompromiß und jede Zweideutigkeit ablehnen, die uns der Denkweise dieser Welt angleichen würde (vgl. Röm 12,2). Wir sollen in der Welt, aber nicht von der Welt sein (vgl. Joh 15,19; 17,16) mit der Kraft, die uns von Christus kommt, der durch seinen Tod und seine Auferstehung die Welt besiegt hat (vgl. Job 16,33)" (Evangelium vitae, Nr. 82). Durch Eure vielfältigen Bemühungen im Dienst am Leben habt Ihr diese Worte in die Tat umgesetzt und dazu beigetragen, daß die Haltung der Kirche zur Frage des Lebensschutzes den Bürgern Eures Landes von Kindesbeinen an vertraut ist. Ich möchte Euch aus ganzem Herzen meine Wertschätzung und meine volle Anerkennung für diesen unermüdlichen Einsatz aussprechen. Ebenso danke ich allen, die in der Öffentlichkeit das Lebensrecht eines jeden Menschen verteidigen. Besondere Erwähnung verdienen dabei die Politiker, die sich in Vergangenheit und Gegenwart nicht scheuen, die Stimme für das Leben der ungeborenen Kinder zu erheben.

3. Neben einigen positiven Aussagen über den Lebensschutz und über die Notwendigkeit der Beratung sieht das Gesetz vom 21. August 1995 vor, daß die Abtreibung bei Vorliegen einer sehr vage umschriebenen "medizinischen Indikation" bis zur Geburt rechtmäßig ist. Diese Bestimmung habt ihr zu Recht heftig kritisiert. Ebenso ist die Legalisierung der Abtreibung bei Vorliegen einer "kriminologischen Indikation" für gläubige Christen und für alle Menschen mit wachem Gewissen völlig unannehmbar. Ich bitte Euch, weiterhin alle möglichen Schritte zur Änderung dieser gesetzlichen Verfügungen zu unternehmen.

4. Nun wende ich mich den neuen Gesetzesbestimmungen über die Beratung der schwangeren Frauen in Not zu, weil diese bekanntlich für die kirchliche Sendung im Dienst am Leben und für das Verhältnis von Kirche und Staat in Eurem Land von erheblicher Bedeutung sind. Aufgrund meiner Besorgnis über die neuen Bestimmungen fühlte ich mich verpflichtet, am 21. September 1995 in einem persönlichen Brief einige Grundsätze in Erinnerung zu rufen, die in dieser Sache sehr wichtig sind. Ich lenkte Eure Aufmerksamkeit unter anderem darauf, daß die positive gesetzliche Definition der Beratung im Sinn des Lebensschutzes durch gewisse zweideutige Formulierungen abgeschwächt wird und daß die von den Beraterinnen auszustellende Beratungsbescheinigung nunmehr einen anderen juristischen Stellenwert hat als in der vorigen gesetzlichen Regelung. Ich ersuchte Euch, die kirchliche Beratungstätigkeit neu zu definieren und dabei darauf zu achten, daß die Freiheit der Kirche nicht beeinträchtigt wird und kirchliche Einrichtungen nicht für die Tötung unschuldiger Kinder mitverantwortlich gemacht werden können.

In den Vorläufigen Bischöflichen Richtlinien habt Ihr das Ziel der kirchlichen Beratung gegenüber dem Gesetz weiter im Sinn des unbedingten Lebensschutzes präzisiert. Durch diese und andere Maßnahmen habt Ihr den kirchlichen Beratungsstellen ein deutliches eigenes Profil gegeben. Im Ringen um die staatliche Anerkennung der Vorläufigen Bischöflichen Richtlinien in den einzelnen Ländern ist die eigenständige Position der Kirche in der Frage weiter zutage getreten.

5. Umstritten blieb die Problematik der Beratungsbescheinigung, die gewiß nicht aus dem Beratungskonzept herausgelöst werden kann, aber sorgsam gemäß ihrer objektiven rechtlichen Bedeutung zu bewerten ist. In der Ansprache vom 22. Juni 1996 während meiner Pastoralreise in Deutschland stellte ich fest: "Von unserem Glauben her ist klar, daß von kirchlichen Institutionen nichts getan werden darf, was in irgendeiner Form der Rechtfertigung der Abtreibung dienen kann".

Um in der Frage des Beratungsscheines eine Lösung zu finden, kam es - in Fortführung einer ersten Unterredung am 5. Dezember 1995 - am 4. April 1997 zu einem zweiten Gespräch zwischen einer Delegation Eurer Bischofskonferenz und Vertretern der Kongregation für die Glaubenslehre, bei dem trotz einer grundlegenden Einmütigkeit in der Lehre der Kirche zum Lebensschutz und in der Verurteilung der Abtreibung wie auch in der Notwendigkeit einer umfassenden Beratung schwangerer Frauen in Not die strittige Frage der Beratungsbescheinigung nicht endgültig gelöst werden konnte. Während der Begegnung am 27. Mai 1997 wurden alle zu berücksichtigenden Elemente noch einmal in einer brüderlichen Atmosphäre freimütig und offen vorgetragen.

In meinem Auftrag, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), richte ich mich nun wiederum an Euch, liebe Mitbrüder. Es geht nämlich um eine pastorale Frage mit offenkundigen lehrmäßigen Implikationen, die für die Kirche und für die Gesellschaft in Deutschland und weit darüber hinaus von Bedeutung ist. Auch wenn die gesetzliche Situation in Eurem Land einzigartig ist, so betrifft das Problem, wie wir das Evangelium des Lebens in der pluralistischen Welt von heute wirksam und glaubwürdig verkünden, doch die Kirche insgesamt. Der Auftrag, das Leben in allen seinen Phasen zu schützen, läßt keine Abstriche zu. Daraus folgt, daß die Botschaft und die Handlungsweise der Kirche in der Frage der Abtreibung in ihrem wesentlichen Gehalt in allen Ländern dieselben sein müssen.

6. Ihr legt großen Wert darauf, daß die katholischen Beratungsstellen in der Schwangerenberatung öffentlich präsent bleiben, um durch eine zielorientierte Beratung viele ungeborene Kinder vor der Tötung zu retten und den Frauen in schwierigen Lebenssituationen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Seite zu stehen. Ihr unterstreicht, daß die Kirche in dieser Frage - um der ungeborenen Kinder willen - die vom Staat eröffneten Spielräume zugunsten des Lebens und der Beratung so weit wie möglich nützen muß und nicht die Verantwortung auf sich nehmen kann, mögliche Hilfeleistungen unterlassen zu haben. Ich unterstütze Euch in diesem Anliegen und hoffe sehr, daß die kirchliche Beratung kraftvoll weitergeführt werden kann. Die Qualität dieser Beratung, die sowohl den Wert des ungeborenen Lebens wie auch die Schwierigkeiten der schwangeren Frau ganz ernst nimmt und eine Lösung auf der Basis von Wahrheit und Liebe anstrebt, wird die Gewissen vieler Ratsuchender anrühren und für die Gesellschaft ein mahnender Aufruf sein.

Ich möchte in diesem Zusammenhang den Einsatz der katholischen Beraterinnen der Caritas und des Sozialdienstes katholischer Frauen sowie einiger anderer Beratungsstellen ausdrücklich hervorheben. Ich kenne den guten Willen der Beraterinnen und weiß um ihre Mühen und Sorgen. Ich möchte ihnen aufrichtig für ihr Engagement danken und sie bitten, weiterhin für jene zu kämpfen, die keine Stimme haben und ihr Lebensrecht noch nicht selber verteidigen können.

7. Was nun die Frage der Beratungsbescheinigung betrifft, möchte ich wiederholen, was ich Euch schon im Brief vom 21. September 1995 geschrieben habe: "Sie bestätigt, daß eine Beratung stattgefunden hat, ist aber zugleich ein notwendiges Dokument für die straffreie Abtreibung in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft". Ihr selber habt diese widersprüchliche Bedeutung des Beratungsscheines, die im Gesetz verankert ist, mehrmals als "Dilemma" bezeichnet. Das "Dilemma" besteht darin, daß die Bescheinigung die Beratung zugunsten des Lebensschutzes bestätigt, aber zugleich die notwendige Bedingung für die straffreie Durchführung der Abtreibung bleibt, auch wenn sie gewiß nicht deren entscheidende Ursache ist.

Der positive Text, den Ihr dem von katholischen Stellen ausgestellten Beratungsschein gegeben habt, kann diese widersprüchliche Spannung nicht grundsätzlich beheben. Die Frau kann den Schein aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen dazu gebrauchen, um nach einer dreitägigen Frist ihr Kind straffrei und in öffentlichen Einrichtungen und zum Teil auch mit öffentlichen Mitteln abtreiben zu lassen. Es ist nicht zu übersehen, daß der gesetzlich geforderte Beratungsschein, der gewiß zuerst die Pflichtberatung sicherstellen will, faktisch eine Schlüsselfunktion für die Durchführung straffreier Abtreibungen erhalten hat. Die katholischen Beraterinnen und die Kirche, in deren Auftrag die Beraterinnen in vielen Fällen handeln, geraten dadurch in eine Situation, die mit ihrer Grundauffassung in der Frage des Lebensschutzes und dem Ziel ihrer Beratung in Konflikt steht. Gegen ihre Absicht werden sie in den Vollzug eines Gesetzes verwickelt, der zur Tötung unschuldiger Menschen führt und vielen zum Ärgernis gereicht.

Nach gründlicher Abwägung aller Argumente kann ich mich der Auffassung nicht entziehen, daß hier eine Zweideutigkeit besteht, welche die Klarheit und Entschiedenheit des Zeugnisses der Kirche und ihrer Beratungsstellen verdunkelt. Deshalb möchte ich Euch, liebe Brüder, eindringlich bitten, Wege zu finden, daß ein Schein solcher Art in den kirchlichen oder der Kirche zugeordneten Beratungsstellen nicht mehr ausgestellt wird. Ich ersuche Euch aber, dies auf jeden Fall so zu tun, daß die Kirche auf wirksame Weise in der Beratung der hilfesuchenden Frauen präsent bleibt.

8. Verehrte Mitbrüder! Ich weiß, daß die Bitte, die ich an Euch richte, ein nicht leichtes Problem anrührt. Schon seit langem und verstärkt seit der Begegnung vom 27. Mai 1997 ist von vielen Seiten, auch von Menschen, die sich für die Kirche und in der Kirche einsetzen, nachdrücklich vor einem solchen Entscheid gewarnt worden, der die Frauen in Konfliktsituationen ohne den Beistand der Glaubensgemeinschaft lasse. Ebenso nachdrücklich ist freilich auch von gläubigen Menschen aller Schichten und Stände angemahnt worden, daß der Schein die Kirche in die Tötung unschuldiger Kinder verwickelt und ihren unbedingten Widerspruch gegen die Abtreibung weniger glaubwürdig macht.

Ich habe beide Stimmen sehr ernst genommen und respektiere die leidenschaftliche Suche nach dem rechten Weg der Kirche in dieser wichtigen Sache auf beiden Seiten, fühle mich aber um der Würde des Lebens willen gedrängt, die oben dargelegte Bitte an Euch zu richten. Zugleich anerkenne ich, daß die Kirche sich ihrer öffentlichen Verantwortung nicht entziehen kann, am allerwenigsten da, wo es um das Leben und die Würde des Menschen geht, den Gott geschaffen und für den Christus gelitten hat. Das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz bietet viele Möglichkeiten, um in der Beratung präsent zu bleiben; die Präsenz der Kirche darf letztlich nicht vom Angebot des Scheins abhängen. Nicht nur der Zwang einer gesetzlichen Vorschrift darf es sein, der die Frauen zu den kirchlichen Beratungsstellen führt, sondern vor allem die sachliche Kompetenz, die menschliche Zuwendung und die Bereitschaft zu konkreter Hilfe, die darin anzutreffen sind. Ich vertraue darauf, daß Ihr mit den vielfältigen Möglichkeiten Eurer Institutionen und Eurer Organisationen, mit dem reichen Potential an intellektuellen Kräften wie an Innovationsfähigkeit und Kreativität Wege finden werdet, die Präsenz der Kirche in der Beratung nicht nur nicht vermindern zu lassen, sondern noch zu verstärken. Ich bin davon überzeugt, daß Ihr in der geistigen Auseinandersetzung, die in der Gesellschaft Eures Landes bereits stattfindet und die nun folgen wird, alle Eure Kräfte mobilisieren könnt, um den Weg der Kirche nach innen und nach außen verständlich zu machen, so daß er auch dort wenigstens Respekt findet, wo man nicht glaubt, ihn billigen zu können.

Daß die Kirche den Weg des Gesetzgebers in einem konkreten Punkt nicht mitgehen kann, wird ein Zeichen sein, das gerade im Widerspruch zur Schärfung des öffentlichen Gewissens beiträgt und damit letztlich auch dem Wohl des Staates dient: "Das Evangelium vom Leben ist nicht ausschließlich für die Gläubigen da: es ist für alle da. ... Unser Handeln als ,Volk des Lebens und für das Leben' verlangt daher, richtig ausgelegt und mit Sympathie aufgenommen zu werden. Wenn die Kirche die unbedingte Achtung vor dem Recht auf Leben jedes unschuldigen Menschen - von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod - zu einer der Säulen erklärt, auf die sich jede bürgerliche Gesellschaft stützt, ,will sie lediglich einen humanen Staat fördern. Einen Staat, der die Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person, besonders der schwächsten, als seine vorrangige Pflicht anerkennt '" (Evangelium vitae, Nr. 101).

Noch einmal danke ich Euch für Euer vielfältiges Bemühen, das Leben der ungeborenen Kinder zu schützen, und ebenso für Eure Bereitschaft, die katholische Beratungstätigkeit neu zu umschreiben. Ich empfehle die Euch anvertrauten Gläubigen - im besonderen die in der Beratung engagierten Frauen und Männer sowie alle schwangeren Frauen in Not - Maria, der Mutter vom Guten Rat, und erteile Euch von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 11. Januar 1998, dem Fest der Taufe des Herrn

 


 

Kommentar zum Schreiben des Heiligen Vaters
an die deutschen Bischöfe

in: L'Osservatore Romano vom 27.01.1998

In einem längeren Schreiben an die deutschen Bischöfe hat Johannes Paul II. zu einigen Fragen im Zusammenhang mit der Schwangerenberatung in Deutschland Stellung genommen. Der Papst antwortet darin auf die Probleme, die bei der Begegnung der deutschen Oberhirten mit ihm und einigen Vertretern der Kurie am 27. Mai 1997 erörtert worden sind.

l. In dem Schreiben unterstreicht der Papst mehrmals und deutlich die grundlegende Einmütigkeit zwischen dem Heiligen Stuhl und den deutschen Bischöfen in der Lehre zum Lebensschutz und in der Verurteilung der Abtreibung.

Er dankt den Bischöfen für ihren freimütigen Einsatz im Kampf um das ungeborene Leben. Anerkennend hebt er hervor, daß sich die Deutsche Bischofskonferenz mit dem früheren und dem seit dem 21. August 1995 geltenden Abtreibungsgesetz nicht abgefunden hat.

Der Heilige Vater richtet Worte des Dankes an alle - besonders auch an die Politiker -, die öffentlich das Lebensrecht eines jeden Menschen verteidigen.

Er teilt das Anliegen der Bischöfe, mögliche Hilfeleistungen nicht zu unterlassen, in der Schwangerenberatung öffentlich präsent zu bleiben und dabei die vom Gesetz eröffneten Spielräume so weit wie möglich zu nützen. In diesem Zusammenhang hebt er ausdrücklich die Tätigkeit der katholischen Beraterinnen hervor und dankt ihnen für ihr Engagement.

Ohne im Detail auf die deutsche Rechtslage einzugehen, würdigt der Papst bei aller Kritik auch die positiven gesetzlichen Aussagen über den Lebensschutz und über die Notwendigkeit der Beratung, wie es die Bischöfe ebenfalls getan haben.

2. Das Schreiben läßt klar das gemeinsame Bemühen erkennen, in den offenen Fragen bezüglich der Zuordnung der katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen zur staatlich geregelten Beratung gemäß dem neuen Gesetz im Zueinander von bischöflicher und päpstlicher Verantwortung die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Johannes Paul II. erinnert an seinen persönlichen Brief vom 21. September 1995 und an die Ansprache vom 22. Juni 1996 während seiner Pastoralreise in Deutschland. Er verweist unter anderem auf die "Vorläufigen Bischöflichen Richtlinien", auf das Ringen um ein eigenes Profil der kirchlichen Beratungsstellen und auf das Hirtenwort der deutschen Bischöfe "Menschenwürde und Menschenrechte von allem Anfang an" vom 26. September 1996. Er ruft die beiden Gespräche zwischen einer Delegation der Deutschen Bischofskonferenz und Vertretern der Glaubenskongregation sowie die bereits erwähnte Begegnung vom 27. Mai 1997 ins Gedächtnis.

Der mehr als zwei Jahre dauernde Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und den Bischöfen macht deutlich, wie im Miteinander-Reden und Aufeinander-Hören um gemeinsame Lösungen gerungen wurde. Auf diesem Weg konnten denn auch alle offenen Probleme geklärt werden, abgesehen von der schwierigen Frage im Zusammenhang mit dem Beratungsschein.

3. Bezüglich der Beratungsbescheinigung legt der Papst in seiner Verantwortung als oberster Hirte der Kirche nach einer langen Zeit des Studiums, der weiteren Beratung und des Gebetes Richtlinien für das künftige Verhalten vor.

Er verweist auf die im Gesetz verankerte - von den deutschen Bischöfen als "Dilemma" bezeichnete - Zweideutigkeit der Bescheinigung: Der Schein soll einerseits die Pflichtberatung im Sinn des Lebensschutzes erreichen und belegen; darin liegt seine positive, dem Leben dienende Bedeutung. Er ist aber anderseits notwendige Bedingung für die straffreie, in öffentlichen Einrichtungen und teilweise mit öffentlichen Mitteln durchgeführte Abtreibung in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen, auch wenn er nicht deren entscheidende Ursache ist; darin liegt seine negative Bedeutung. Daraus entsteht die genannte Zweideutigkeit.

Der Papst geht nicht näher auf die moraltheologische Frage ein, welche Art der Mitwirkung an der Abtreibung hier genau vorliegt. Es scheint auch nicht leicht, die entsprechenden traditionellen Kriterien unverändert auf die Problematik des Beratungsscheins anzuwenden, zumal die Sachlage überaus komplex ist und es um eine institutionelle Mitwirkung der Kirche geht, in deren Auftrag die Beraterinnen in vielen Fällen handeln.

Der entscheidende Grund, weshalb der Papst nach gründlicher Abwägung aller Argumente zur Auffassung gekommen ist, daß die Bescheinigung in kirchlichen Beratungsstellen nicht ausgestellt werden soll, liegt auf einer anderen Ebene: Durch die Ausstellung der Bescheinigung wird die Klarheit und Eindeutigkeit des Zeugnisses der Kirche und ihrer Beratungsstellen verdunkelt. Es geht letztlich darum, das Evangelium des Lebens in der pluralistischen Welt von heute wirksam und glaubwürdig zu verkünden. Der unbedingte Einsatz für jedes ungeborene Leben, der die Kirche von Anfang an von der Umwelt unterschieden hat, läßt keine Abstriche, Kompromisse oder Zweideutigkeiten zu. Vor allem in diesem Kontext muß die Aussage des Papstes gesehen werden, daß es in der Problematik um eine pastorale Frage mit offenkundigen lehrmäßigen Implikationen geht, die für Deutschland und weit darüber hinaus von Bedeutung ist.

Der Papst legt in seiner obersten Verantwortung seine Richtlinien, soweit sie sich auf die konkrete Umsetzung beziehen, in Form einer nachdrücklichen Bitte vor: Er bittet die Bischöfe eindringlich, Wege zu finden, daß ein Schein solcher Art in den kirchlichen oder der Kirche zugeordneten Beratungsstellen nicht mehr ausgestellt wird. Er betont aber eigens, daß die Kirche auf wirksame Weise in der Beratung der hilfesuchenden Frauen präsent bleiben soll. Von einer Aufforderung, aus der gesetzlichen Beratung auszusteigen, kann also keine Rede sein. Es geht vielmehr um einen Umstieg, der die Kirche von einer Fessel befreit, in die sie - mit der guten Absicht zu retten, was zu retten ist - geraten ist.

4. Was die praktische Umsetzung der Bitte betrifft, bekundet Johannes Paul II. in dem Schreiben sein Vertrauen zu den deutschen Bischöfen und ihren Mitarbeitern. Er überläßt nähere Fragen, etwa den Zeitpunkt der Neuordnung der katholischen Beratungsstellen, offensichtlich den Bischöfen, auch wenn sein Wunsch nach einer zügigen endgültigen Regelung im genannten Sinn deutlich aus dem Schreiben hervorgeht.

Der Papst ist überzeugt, daß die katholischen Beratungsstellen durch sachliche Kompetenz, menschliche Zuwendung und Bereitschaft zu konkreter Hilfe weiterhin Frauen in Not anziehen werden. Er betont, daß die Qualität der Beratung, die neben dem Wert des ungeborenen Lebens auch die Schwierigkeiten der schwangeren Frau ganz ernst nimmt und eine Lösung auf der Basis von Wahrheit und Liebe anstrebt, die Gewissen vieler Ratsuchender anrühren wird. Er vertraut darauf, daß die Kirche in Deutschland mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und Potentialen Wege finden wird, die kirchliche Präsenz in der Beratung nicht nur nicht vermindern zu lassen, sondern noch zu verstärken.

Nach Auffassung des Papstes wird der Weg der Kirche, der hier in einem konkreten Punkt vom Weg des Gesetzgebers abweicht, zur Schärfung des öffentlichen Gewissens und damit letztlich auch dem Wohl von Staat und Gesellschaft dienen. Der Auftrag, die Würde und die Grundrechte jedes Menschen, vor allem des schwächsten, zu verteidigen, ist für die Kirche eine Pflicht, von der sie nicht abrücken kann. Wenn sie in Wort und Tat immer wieder auf diese Grundrechte verweist, erfüllt sie ihre Sendung als Sauerteig der Welt und als Anwalt des von Gott erschaffenen und erlösten Menschen.

 


 

NEU im Januar 2001:

 

Erklärung des Bischofs von Limburg über den vorläufigen weiteren Verbleib im staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung

 

Am Montag, 22. Januar 2001, hat Bischof Franz Kamphaus eine Erklärung abgegeben, die gleichlautend um 12.00 Uhr in Rom und Limburg veröffentlicht wird. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Am 13. Januar 2001 fand in Rom auf Anregung des Bischofs von Limburg ein Gespräch statt, an dem der Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal J. Ratzinger und der Präfekt der Kongregation für die Bischöfe Erzbischof G. B. Re sowie der Bischof von Limburg F. Kamphaus und in seiner Begleitung der Bischof von Münster R. Lettmann teilnahmen.

Das Gespräch diente der Klärung der Situation, die durch den Verbleib des Bistums Limburg in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung bedingt ist. Dabei wurde die gemeinsame Grundüberzeugung bekräftigt, dass jedes Menschenleben von Anfang an unbedingt zu schützen ist und dass das Verbrechen der Abtreibung durch nichts zu rechtfertigen ist. Das Gewicht des eindeutigen kirchlichen Zeugnisses für das Leben ist unbestritten.

In der "Aktion Konfliktberatung" bemüht sich das Bistum Limburg darum, der Bitte des Papstes entsprechend die Präsenz der Kirche in der Beratung noch zu verstärken. Das Bistum wird weiterhin intensiv an einer fachlichen, spirituellen und materiellen Qualifizierung der Beratung arbeiten. Die Qualität der Beratung und die Hilfen zum Leben sollen so überzeugend gestaltet werden, dass Frauen auf die Ausstellung eines Beratungsnachweises verzichten. Dabei geht es weiterhin ausdrücklich darum, mit der Beratung dort präsent zu bleiben, wo das Leben von Menschen am meisten gefährdet ist, bei den Frauen, die schwanken, ob sie ihr Kind austragen sollen oder nicht.

Die Erfahrungen, die vor allem ab dem 1.1.2001 in den deutschen Bistümern mit der Neugestaltung der Beratungspraxis gemacht werden, sind dabei ebenso zu berücksichtigen wie die Erfahrung mit den Qualifizierungsmaßnahmen in den Beratungsstellen des Bistums Limburg. Die zu erwartenden neuen Erkenntnisse werden zum Ende dieses Jahres ausgewertet und in die dann zu treffenden Entscheidungen einbezogen. Man wird prüfen, wie das gemeinsam erhoffte und auch vom Bistum Limburg angestrebte Ziel, die betroffenen Frauen unabhängig von der staatlichen Konfliktberatung zu erreichen, zu verwirklichen ist.

Das Bistum Limburg sieht sich mit allen deutschen Bistümern dem Auftrag des Papstes verpflichtet, die Beratung nachhaltig zugunsten eines eindeutigen und glaubwürdigen Zeugnisses für das Leben weiterzuentwickeln.

Rom/Limburg
Montag, 22. Januar 2001

 


 

Stellungnahme des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,
Bischof Prof. Dr. Karl Lehmann,
zur Erklärung des Bischofs von Limburg, Prof. Dr. Franz Kamphaus, vom 22. Januar 2001

 

Bischof Franz Kamphaus hat heute gleichzeitig in Rom und in Limburg eine Erklärung zur künftigen Gestalt der Schwangerenberatung veröffentlicht. Sie bringt ein Einvernehmen mit dem Apostolischen Stuhl zum Ausdruck. In dem Text erläutert Bischof Kamphaus seine Haltung und erklärt, dass bis zum Ende des Jahres die im Bistum Limburg und in den anderen deutschen Bistümern gewonnenen neuen Erkenntnisse zur Schwangerenberatung ausgewertet und in die dann zu treffenden Entscheidungen einbezogen werden sollen: "Man wird prüfen, wie das gemeinsam erhoffte, und auch vom Bistum Limburg angestrebte Ziel, die betroffenen Frauen unabhängig von der staatlichen Konfliktberatung zu erreichen, zu verwirklichen ist." Es muss sich zeigen, ob die Beratung auf diese Weise dort präsent bleiben kann, wo das Leben von Menschen am meisten gefährdet ist, bei den Frauen, die schwanken, ob sie ihr Kind zur Welt bringen oder nicht.

Ich begrüße mit Respekt und Dankbarkeit den zwischen dem Bischof von Limburg und den verantwortlichen Instanzen des Apostolischen Stuhls vereinbarten Weg zu einer Klärung der strittigen Sache. Die an dieser Vereinbarung Beteiligten verdienen hohe Anerkennung.

Der Vorgang zeigt, dass der Wille zum Konsens auch bei schwierigen Fragen in der katholischen Kirche auf beiden Seiten größer ist, als viele sich vorstellen können, und zwar ohne Preisgabe wesentlicher gemeinsamer Grundsätze. Die deutschen Bischöfe sind mit Papst Johannes Paul II. und dem Bischof von Limburg einig, dass die Beratung nachhaltig zugunsten eines eindeutigen und glaubwürdigen Zeugnisses für das Leben des ungeborenen Kindes weiterentwickelt werden muss.