BOTSCHAFT DER ZWEITEN SONDERVERSAMMLUNG FÜR EUROPA DER BISCHOFSYNODE

 

 

Die Synodenväter billigten gestern, während der Siebzehnten Generalkongregation am 21. Oktober 1999, die Botschaft der zweiten Sonderversammlung der Bischofsynode für Europa.

Im folgenden veröffentlichen wir, gleichzeitig während die letzte Pressekonferenz über die Synodenarbeiten, die in der Aula Johannes Paul II im Pressesamt des Heiligen Stuhls, heute am Freitag 22. Oktober 1999 um 12.45, stattfindet , den vollständigen Text:


MIT FREUDE BEZEUGEN WIR

DAS "EVANGELIUM DER HOFFNUNG" IN EUROPA


Der Gott des Lebens, der Hoffnung und der Freude sie mit euch allen!

Das ist der Gruß und der Wunsch, der zum Gebet wird, den wir Bischöfe, zur Synode vereint, an euch, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, und an alle Bürger und Bürgerinnen Europas richten.

Das ist auch die Herausforderung, die das Leben eines jeden von uns angeht.


Hoffnung ist möglich

1. Der Mensch kann nicht ohne Hoffnung leben; sein Leben wäre zur Bedeutungslosigkeit entleert und würde unerträglich. Aber diese Hoffnung wird tagtäglich geschwächt, angegriffen und zerstört von so vielen Formen des Leids, des Kummers und des Todes, die das Herz so vieler Europäer und unseren ganzen Kontinent durchdringen. Dieser Herausforderung können wir uns nicht entziehen. Der Geist Gottes, der alle Verzweiflung überwindet, schenke uns das "Mitleid" Jesu mit der Menge ohne Hirte (vgl. Mk 6,34). Er begleite und unterstütze uns, wenn wir, in Liebe und Sympathie, Anteil nehmen an den Schwierigkeiten und dramatischen Situationen so vieler Männer und Frauen - von Alten, Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern -, die krank sind, ohne Ausbildung, Arbeit, Obdach, Heimat, die verkannt werden und deren fundamentale Rechte auf Leben, Gleichheit, Freiheit und Frieden mit Füßen getreten werden.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, der Mensch kann nicht leben ohne Hoffnung. Aber ist Hoffnung möglich, und wer kann sie ihm geben, wenn viele Hoffnungen, auch in jüngster Zeit, erbärmlich enttäuscht worden sind?

Erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, wissen wir in demütiger Gewissheit, dass wir euch nicht täuschen, wenn wir sagen: Hoffnung ist möglich auch heute, und sie ist möglich für alle! Gott entzieht in seiner väterlichen Liebe niemandem diese Möglichkeit, denn er will, dass jeder Mensch sein volles Glück finden kann.

Darum machen wir uns freudig und mit mit dem Anspruch, im Namen Christi des Herrn zu sprechen, der uns gesandt hat, für ganz Europa zu Botschaftern und Zeugen des "Evangeliums der Hoffnung". Wir richten an euch die Worte, die der heilige Petrus an die ersten Christen gerichtet hat: "Fürchtet euch nicht ... und lasst euch nicht erschrecken, sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1 Petr 3, 14-15).


Wir glauben an Jesus Christus, die einzige wahre Hoffnung des Menschen und der Geschichte

2. Wir richten dieses Wort der Hoffnung an euch von Rom aus, wohin der Papst uns in der Nähe der Apostelgräber zu einer Synode zusammengerufen hat, die zweite, die sich mit Europa befasst. In dieser Synode haben wir uns dem Gebet gewidmet, dem Nachdenken und der Diskussion über das Thema: "Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt, Quelle der Hoffnung für Europa". In der Gemeinschaft unter uns Bischöfen, mit dem Heiligen Vater und mit allen, die an dieser synodalen Begegnung teilgenommen haben, haben wir eine tiefe Erfahrung des Glaubens und der Liebe gemacht. Dabei haben wir die Gegenwart Jesu erfahren, der in unserer Mitte lebt und am Werk ist, und so gewissermaßen das geistliche Abenteuer der Jünger auf dem Weg nach Emmaus nacherlebt (vgl. Lk 24,13-35).

Am Vorabend des Großen Jubiläumsjahres 2000 haben wir den Blick unserer Herzen auf Jesus gerichtet; wir haben sein Antlitz betrachtet und sehen uns erneut und mit neuem Enthusiasmus gedrängt, zusammen mit Petrus unseren Glauben zu bekennen: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (vgl. Mt 16,16). Du bist das ewige Wort des Vaters, das in der Fülle der Zeiten Fleisch angenommen hat aus der Jungfrau Maria (vgl. Gal 4,4) und Mensch geworden ist wie wir und für uns (vgl. Joh 1,14). Du bist der Bräutigam, der seine Kirche liebt und sich für sie hingibt (vgl. Eph 5,25). Du zeigst uns das Antlitz des Vaters (vgl. Joh 1,18), du bist der Erlöser des Menschen, der einzige Retter der Welt.

Aus diesem Bekenntnis unseres Glaubens, das Teilnahme und Ausweitung des ununterbrochenen Glaubensbekenntnisses der Kirche aller Zeiten und aller Breiten ist, erwächst - unwiderstehlich und vergewissernd - in uns allen auch ein freudiges Bekenntnis unserer Hoffnung: Du, Herr, auferstanden und lebend, bist die immer neue Hoffnung der Kirche und der Menschheit; du bist die einzige wahre Hoffnung des Menschen und der Geschichte. Du bist "unter uns die Hoffnung auf Herrlichkeit" (vgl. Kol 1,27), schon in diesem unseren Leben und über den Tod hinaus. In dir und mit dir können wir die Wahrheit finden, erhält unsere Existenz einen Sinn, wird Gemeinschaft möglich, kann die Vielfalt Reichtum werden, ist die Macht des Reiches am Werk in der Geschichte und hilft beim Aufbau der Stadt der Menschen, verleiht die Liebe den Bemühungen der Menschheit bleibenden Wert, kann der Schmerz heilsam werden, wird das Leben den Tod besiegen und wird die Schöpfung teilhaben an der Herrlichkeit der Kinder Gottes.

All das bekennen wir in Gemeinschaft mit euch allen, Schwestern und Brüder, die ihr mit uns den Glauben an unseren Herrn Jesus teilt.

Und an Europa - den Kontinent, in dem wir gerne wohnen und der so nach Hoffnung dürstet, oft in Gefahr, sie zu verlieren - geben wir mit euch die Worte weiter, die Papst Johannes Paul II. uns am Anfang der Synodenarbeit gesagt hat: "Mit der Vollmacht, die sie vom Herrn erhalten hat, wiederholt die Kirche vor dem Menschen von heute: Europa des dritten Jahrtausends, 'lass die Hände nicht sinken!' (Zef 3,16); verliere nicht den Mut, überlasse dich nicht Denk - und Lebensweisen, die keine Zukunft haben, weil sie nicht auf der festen Sicherheit des Wortes Gottes beruhen!"


Danken wir Gott für die Zeichen der Hoffnung in der Kirche!

3. Wenn wir euch, geleitet durch das Horchen auf das Wort Gottes und dem Geist gelehrig beim Deuten der "Zeichen der Zeit", das "Evangelium der Hoffnung" verkünden, wollen wir euch versichern: Die Hoffnung, deren Quelle unser Herr Jesus ist, ja die Jesus selbst ist, ist kein Traum und keine Utopie. Die Hoffnung ist eine Realität, denn Jesus ist der Immanuel, der Gott-mit-uns; er ist der Auferstandene, der stets in seiner Kirche lebt, um das Heil des Menschen und der Gesellschaft zu wirken. Unsere Hoffnung ist gewiss: sie ist eine Realität; die Zeichen dieser Hoffnung sind konkret, erfahrbar und irgendwie schon greifbar, denn der Schöpfergeist, den der gekreuzigte und auferstandene Herr den Glaubenden als erstes Geschenk hinterlassen hat, ist immer anwesend: Er ist der Herr, der das Leben schenkt; auch heute ist er - mehr als wir und besser als wir - am Werk in den Kirchen und den Gesellschaften Europas.

Die Kirche ist, gerade weil sie Leib und Braut Christi, "unserer Hoffnung" (1 Tim 1,1), ist, durch ihr bloßes Sein die Gemeinschaft der Hoffnung; ständig empfängt sie vom Herrn die Gnade und die Energie, auch dem heutigen Europa Hoffnung zu vermitteln. Wenn wir auf das alltägliche Leben unserer Kirchen schauen, können wir die vielfältigen kleinen und großen "Zeichen der Hoffnung" erkennen, die der Geist weckt und nährt.

"Zeichen der Hoffnung" sind die vielen Märtyrer aus allen christlichen Konfessionen, die in diesem Jahrhundert, sei es in den Ländern des Westens, sei es in denen des Ostens, gelebt haben, auch in unseren Tagen. Ihre Hoffnung war stärker als der Tod! Wir können und wollen ihr Zeugnis nicht vergessen: es ist uns sehr wertvoll und unbedingt notwendig für uns alle, denn es erinnert uns daran, dass es ohne das Kreuz kein Heil gibt und ohne die Teilnahme an der Liebe des gekreuzigten Herrn, der Verzeihung schenkt, kein echtes christliches Leben.

"Zeichen der Hoffnung" ist die Heiligkeit so vieler Männer und Frauen unserer Zeit, nicht nur jener, die offiziell von der Kirche seliggesprochen wurden, sondern auch jener, die schlicht und einfach in der Alltäglichkeit ihrer Existenz mit hochherziger Hingabe ihre Treue zum Evangelium gelebt haben.

"Zeichen der Hoffnung" sind auch:

- die wiedergewonnene Freiheit der Kirchen in Osteuropa, dank des prophetischen und entschiedenen Beitrags des Heiligen Vaters, eine Freiheit, die neue Möglichkeiten für ihr pastorales Wirken eröffnet hat, auch dank des Erwachens von Berufen zum Priestertum und geweihten Leben, zusammen mit neuen Herausforderungen für einen reiferen Gebrauch der Freiheit;

- die zunehmende Konzentration der Kirche auf ihre geistliche Sendung und ihr Bemühen, der Evangelisierung den Vorrang zu geben, auch in ihrer Beziehung zum sozialen und politischen Bereich;

- die Anwesenheit und die Verbreitung der neuen Bewegungen und Gemeinschaften, durch die der Geist ein christliches Leben erweckt, das stärker von evangelischem Radikalismus und missionarischem Elan gezeichnet ist;

- die Freisetzung einer erneuerten Hingabe an das Evangelium und einer hochherzigen Verfügbarkeit zum Dienst, die derselbe Heilige Geist auch in mehr traditionellen Bereichen der Kirche weckt, wie im geweihten Leben, in den Pfarreien, in den Vereinigungen von Laien, in den Gebets - und Apostolatsgruppen;

- das gesteigerte Bewusstsein der je eigenen Mitverantwortung aller Christen, in der Vielfalt und gegenseitigen Ergänzung der Gaben und Aufgaben in der einen Sendung der Kirche;

- die wachsende Anwesenheit und Mitwirkung der Frau in den Strukturen und den Lebensbereichen der christlichen Gemeinschaft.

Mit einem lebendigen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Herrn, erkennen wir als "Zeichen der Hoffnung" die Schritte, die - trotz der Schwierigkeiten - der Weg der Ökumene im Zeichen der Wahrheit, der Liebe und der Versöhnung gemacht hat. Insbesondere begrüssen wir mit Genugtuung die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die am 31. Oktober 1999 in Augsburg von den Vertretern unserer Kirche und des Lutherischen Weltbundes unterzeichnet wird: Nach über vier Jahrhunderten sind wir zu einem Konsens über einige Grundwahrheiten in diesem zentralen Punkt des Glaubens gekommen. Wir erinnern auch an die großartige Aufnahme, die der Heilige Vater bei seinem Besuch in Rumänien gefunden hat.

Ein weiteres "Zeichen der Hoffnung" ist der "Austausch der Gaben" zwischen den Kirchen des Westens und des Ostens, der sich in diesen Jahren zur gegenseitigen geistlichen und pastoralen Bereicherung verstärkt hat, für eine Kirche, die gerufen ist, mit ihren "beiden Lungen" zu atmen und mit einem einzigen Herz zu leben, das erfüllt ist von der Liebe zu Christus und zu seinem Geist.


Wir wollen uns vom Herrn bekehren lassen und unserer Berufung gerecht werden

4. Die christliche Hoffnung, die wir euch, liebe Schwestern und Brüder, verkünden und bezeugen, ist nicht nur möglich und erweist sich nicht nur als eine konkrete Realität. Sie ist ein Geschenk und eine Verantwortung für alle unsere Kirchen und Gemeinschaften und für jeden und jede von uns.

Von diesem Bewußtsein beseelt, müssen wir, alle zusammen, demütig und mutig unser Gewissen erforschen, um unsere Ängste und Irrtümer zu erkennen und aufrichtig unsere Schwerfälligkeit, unsere Unterlassungen, unsere Untreue und Schuld zu bekennen.

Aber euer Herz sei voll von Hoffnung, in der Gewissheit, dass der Vater immer Barmherzigkeit übt gegen jene, die ihre eigene Sünde bekennen; und er richtet an sie einen unwiderstehlichen Aufruf zur Umkehr und zur Erneuerung des Lebens.

Habt keine Angst! Die ernste Situation der religiösen Gleichgültigkeit so vieler Europäer, die Anwesenheit so vieler Menschen auch in unserem Kontinent, die Jesus Christus und seine Kirche noch nicht kennen und die noch nicht getauft sind, die Säkularisierung, die breite Schichten von Christen ansteckt, die gewöhnlich denken, entscheiden und leben, "als ob Christus nicht existierte": das alles löscht unsere Hoffnung nicht aus, sondern macht sie demütiger und befähigt sie besser, nur auf Gott zu vertrauen. Von seinem Erbarmen empfangen wir die Gnade und die Bereitschaft zur Umkehr.

Euch allen, im Herrn geliebte Schwestern und Brüder, die ihr das pilgernde Gottesvolk im Europa von heute und morgen bildet, wagen wir im Namen Christi vertrauensvoll zu sagen: lasst euch bekehren vom Herrn und antwortet mit neuem Eifer auf die apostolische und missionarische Berufung, die ihr in der Taufe empfangen habt! Alle zusammen - Bischöfe, Priester, Diakone, Gottgeweihte und Laien, Männer und Frauen - jeder gemäß der eigenen Gabe und Aufgabe: lasst uns unser Herz und unser Leben dem großartigen und begeisternden Werk widmen, mit Christus zum Heil, zur Freiheit und zum Glück aller Menschen, besonders unserer Brüder und Schwestern in Europa, mitzuwirken.

An euch, ihr Priester unserer Kirchen in Europa, die ihr mit bewunderswerter Hingabe den Dienst lebt, der euch anvertraut woren ist, richten wir mit Dankbarkeit und Zuversicht unser Wort: Verliert nicht den Mut und lasst euch nicht überwältigen von der Müdigkeit; setzt eure kostbare und unverzichtbare Arbeit fort in voller Gemeinschaft mit uns Bischöfen, in froher Brüderlichkeit mit den anderen Priestern, in herzlicher Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Geweihten Lebens und mit allen Laien!

Schwester und Brüder im Herrn, um mit größerer Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit unsere Verantwortung zu leben, wollen wir alle zusammen vertrauensvoll auf dem Weg der Ökumene weiterschreiten; wir wollen das Band wiederentdecken, das uns mit den "älteren Brüdern", den Juden, verbindet; wir wollen uns einem von Respekt und Reife getragenen Dialog mit den anderen Religionen öffnen; und den missionarischen Elan verstärken, indem wir in alle Welt gehen (vgl. Mk 16,15).


Gerufen und gesandt, das "Evangelium der Hoffnung" zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen

5. Wir wollen nicht müde werden, "das Evangelium der Hoffnung" zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen.

Wir wollen das Evangelium der Hoffnung verkünden! In einer Welt, die von so vielen Worten betäubt wird und oft unfähig ist, jemandem Glauben zu schenken, erneuern wir das Glaubensbekenntnis des Petrus:

"Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68). Wir wollen als erste auf dieses Wort verlassen, das wir in der Heiligen Schrift gelesen, meditiert und gebetet haben. In unseren Kirchen wollen wir uns verpflichten, der Verkündigung durch das Zeugnis des Lebens, der Predigt, der Katechese, der theologischen Forschung, der religiösen Kultur und dem Dialog zwischen Wissenschaft und Glauben neue Impulse zu geben. Mit anspruchsvollen Glaubenswegen wollen wir den Weg der Taufbewerber begleiten oder jener, die schon gerufen sind, die Taufe im alltäglichen Leben zu leben. Wir wollen uns erziehen, mit gelehrigem Herzen und mit voller Zustimmung die Lehre der Kirche anzunehmen, damit unser Denken und unser Verhalten dem Evangelium Christi entsprechen.

Wir wollen das "Evangelium der Hoffnung" feiern! In einer Gesellschaft und Kultur, die oft verschlossen sind für die Transzendenz, erdrückt vom Konsumverhalten, Sklaven alter und neuer Götzen, wollen wir mit Erstaunen den Sinn des "Mysteriums" wiederentdecken, unsere liturgischen Feiern erneuern, damit sie beredtere Zeichen der Gegenwart Christi unseres Herrn sind, wollen wir neue Räume für das Schweigen, das Gebet und die Kontemplation schaffen, wollen wir zurückkehren zu den Sakramenten, besonders der Eucharistie und der Buße, als Quellen der Heiles und der Versöhnung, der Freiheit und einer neuen Hoffnung.

Wir wollen dem "Evangelium der Hoffnung" dienen! In einem Europa, das von neuen Grenzen und verschiedenen Formen des Egoismus durchquert wird, ist die tätige Liebe einzelner und der Gemeinschaften die einzige gangbare Straße, um den Hoffnungslosen Hoffnung zu geben. Entscheiden wir uns also für die Liebe! Mit einem Leben, das Spiegel und Zeugnis Gottes, der Liebe, ist, öffnen wir unser Herz der Aufnahme, der Aufmerksamkeit für jeden Bruder und jede Schwester, die von Leid oder von Angst betroffen sind, der vorrangigen Liebe für die Armen, dem Teilen der Güter mit einem bescheideneren Leben. Öffnen wir unsere Liebe auch dem Schutz und der Entwicklung der Schöpfung, Geschenk Gottes für uns und die zukünftigen Generationen, und dem hochherzigen und sachkundigen Einsatz für den Aufbau der Stadt der Menschen in Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und in Solidarität, den einzigen beständigen Pfeilern für ein friedliches Zusammenleben der Menschen.


Erkennen wir die Zeichen der Hoffnung in Europa!

6. Unser Bekenntnis der Hoffnung lädt uns ein, nun einen besonderen Blick auf Europa zu werfen, auf diese komplexe geographische, aber besonders geschichtliche und kulturelle Realität, deren Geschichte engstens mit der Geschichte des Christentums verbunden ist. Es ist wieder ein Blick des Glaubens, der uns auch in den Widersprüchlichkeiten der Geschichte die Anwesenheit des Heiligen Geistes erkennen läßt, der das Antlitz der Erde erneuert.

Vor unser aller Augen stehen dramatische und beunruhigende Situationen, die kundtun, dass der Geist des Bösen und seine Anhänger am Werk sind. Wie können wir all die Formen der Verletzung der fundamentalen Rechte einzelner Menschen, der Minderheiten und der Völker vergessen - insbesondere die "ethnische Säuberung" und die Behinderung der Flüchtlinge, in ihre Häuser zurückzukehren - mit der ungeheuren Last der Ungerechtigkeiten, der Gewalttätigkeiten und des Todes, die dieses unser nun zu Ende gehendes Jahrhundert erdrückt?

Und doch gibt es auch in diesem unserem Europa Phänomene und Gründe der Hoffnung!

Mit Freude stellen wir die zunehmende Öffnung der Völker füreinander fest, die Versöhnung von Nationen, die lange Zeit verfeindet waren, die fortschreitende Ausdehnung des Einigungsprozesses auf die Länder Osteuropas. Es wachsen Anerkennung, Zusammenarbeit und Austausch aller Art, so dass nach und nach eine europäische Kultur, ja ein europäisches Bewusstsein entsteht, das hoffentlich, besonders bei den Jugendlichen, das Gefühl der Brüderlichkeit und den Willen zum Teilen wachsen läßt.

Voll Zuversicht erkennen wir, dass dieser ganze Prozess sich nach demokratischen Spielregeln vollzieht, auf friedliche Weise in einem Geist der Freiheit, der die legitime Vielfalt achtet und hochschätzt und so den Prozess der Einigung Europas vorantreibt und unterstützt.

Wir begrüßen mit Genugtuung alles, was getan wurde, um die Bedingungen und Modalitäten zur Achtung der Menschenrechte näher zu umschreiben.

Im Zusammenhang der legitimen und notwendigen wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas erkennen wir schließlich auf der einen Seite die Zeichen der Hoffnung, die aus der Bedeutung erwachsen, die dem Recht und der Lebensqualität zuerkannt werden; auf der anderen Seite aber wünschen wir uns lebhaft, dass in einer schöpferischen Treue zur humanistischen und christlichen Tradition unseres Kontinents der Vorrang der ethischen und geistlichen Werte garantiert werde. Das ist ein dringender Wunsch, der der festen Überzeugung entspringt, dass es keine echte und fruchtbare Einheit für Europa gibt, wenn sie nicht auf seinen geistlichen Fundamenten auferbaut wird!

Für all dies danken wir Gott und erkennen die Verdienste all derer an, die sich in den verschiedenen europäischen Institutionen einsetzen und auch zum Dialog und zur Zusammenarbeit mit unseren Kirchen bereit sind.

Als Christen wollen wir überzeugte und mustergültige europäische Bürger sein und laden auch euch dazu ein, bereit unseren Beitrag zu leisten für das Europa von heute und morgen, indem wir das kostbare Erbe aufgreifen, das die "Gründungsväter" des vereinten Europas uns hinterlassen haben.

Die aufrichtige Liebe, die wir als Hirten für Europa hegen, drängt uns, mit Zuversicht einige Appelle an jene zu richten, die - vor allem auf institutioneller, politischer und kultureller Ebene - eine besondere Verantwortung für das künftige Schicksal unseres Kontinents tragen:

- schweigt nicht, sondern erhebt eure Stimme, wenn die Menschenrechte Einzelner, von Minderheiten und von Völkern verletzt werden, nicht zuletzt auch das Recht auf Religionsfreiheit;

- schenkt größte Aufmerksamkeit den Fragen des Lebens, der Familie und der Erziehung: das sind die Fundamente, auf denen das gemeinsame europäische Haus aufruht;

- verfolgt mutig und ohne Verzug den Prozess der europäischen Integration durch die Ausweitung des Kreises der Mitgliedsländer der Union, wobei in einer weisen Harmonie die geschichtlichen und kulturellen Verschiedenheiten der Nationen gewürdigt werden müssen, so dass die Gesamtheit und die Einheit der Werte sichergestellt werden, die im menschlichen und kulturellen Sinn Europa ausmachen;

- sucht nach Maßgabe von Gerechtigkeit und Billigkeit und im Geiste einer großen Solidarität das wachsende Phänomen der Migration zu lösen, so daß sie eine neue Quelle für die europäische Zukunft werden;

- macht alle Anstrengungen, damit den Jugendlichen eine wirklich menschliche Zukunft gesichert wird, mit der Arbeit, der Kultur und der Erziehung zu den moralischen und geistlichen Werten;

- haltet Europa offen für alle Länder der Welt, indem ihr fortfahrt, im gegenwärtigen Kontext der Globalisierung Formen nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen und kulturellen Zusammenarbeit zu entwickeln, und greift den Appell auf, den wir - mit dem Heiligen Vater - erneut an euch richten, die internationalen Schulden der Entwicklungsländer zu erlassen oder wenigstens zu reduzieren, wie einige Länder es schon getan haben;

Wenn wir dieser und anderen Verantwortungen gerecht werden, können die christlichen Wurzeln Europas und sein reiches humanistisches Erbe neue Ausdrucksformen finden für das echte Wohl der menschlichen Person und der Gesellschaft.


Beten wir gemeinsam für Europa und die Welt

7. Wir verabschieden uns von euch, die ihr diesen Text lest oder hört, indem wir unser Gebet an den Gott des Lebens, der Hoffnung und der Freude richten.

Betet auch ihr mit uns: "Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Lk 1,46-47).

Wie Maria loben wir Gott für sein Erbarmen, das von Geschlecht zu Geschlecht bis zu den Männern und Frauen unserer Zeit reicht.

Unser Gott ist treu! Er vergisst nie die Verheißung, die er Abraham und seinen Nachkommen gegeben hat, und mit der barmherzigen Macht seines Armes kommt er stets jedem Volk zu Hilfe.

Er lenkt die Menschheitsgeschichte und führt sie von Epoche zu Epoche zur Erfüllung seines Liebesplanes.

Von dieser Gewissheit beseelt, erneuern wir als eure Hirten und Brüder unseren zuversichtlichen Appell:

Kirche von Europa: Fürchte dich nicht! Nimm deine Verantwortung wahr! Die Zeit wird kommen - und ihre Anzeichen werden schon erkennbar! - in der das Gute über das Böse triumphieren wird. Wie Maria voll Glaube und Hoffnung gebetet hat, werden die stolzen Menschen und Völker zerstreut, die Mächtigen vom Thron gestürzt, die Reichen werden leer ausgehen und die Hungernden beschenkt mit Gaben (vgl. Lk 1,51-53).

Kirche Europas, fürchte dich nicht! Der Gott der Hoffnung läßt dich nicht im Stich. Glaube an seine rettende Liebe! Hoffe auf sein verzeihendes, erneuerndes und belebendes Erbarmen!

Hoffe auf den Herrn, und du wirst in Ewigkeit nicht zuschanden werden!