Sonderversammlung für Europa der Bischofssynode

Relatio ante disceptationem

Von Antonio Maria Kardinal Rouco Varela, Generalrelator, Erzbischof von Madrid

Text nach: L'Osservatore Romano deutsch Nr. 43 vom 22. Oktober 1999, 6-12. HTML-Version: © 1999 by Lehrstuhl Kirchenrecht Tübingen / Stefan Ihli.

 

Einleitung

Wir erinnern uns noch lebhaft an die heilige Messe, die Eure Heiligkeit am 23. Juni 1996 im Olyrnpiastadion in Berlin gefeiert hat. Sie ist allen, die innerhalb und außerhalb der Kirche aufmerksam die Ereignisse in Europa verfolgen, noch in lebendiger Erinnerung. Beim Angelusgebet am Schluß dieser eindrucksvollen Seligsprechung von Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg kündigten Sie der Kirche Ihre Absicht an, diese zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa einzuberufen. Die Sonderversammlung von 1991 hatte über die neue Situation nachgedacht, die nach 1989 entstanden war, dem Jahr, in dem die Mauer gefallen ist, die Europa gerade im Herzen von Berlin künstlich geteilt hatte. Die europäischen Bischöfe wurden erneut zusammengerufen - wie Sie sagten - "zum Zweck einer eingehenden Überprüfung der kirchlichen Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Jubiläumstermin" und in der Hoffnung auf "eine Epoche der wahren Wiedergeburt auf religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Ebene" als "Frucht einer neuen Verkündigung des Evangeliums".

Mit dieser Aufgabe setzen wir die vor acht Jahren begonnene Arbeit der ersten Sonderversammlung fort. Schon damals war es klar, daß unsere Arbeit nur ein "erste[r] Schritt auf einem Weg" war, "den wir ohne anzuhalten unermüdch weitergehen wollen" (Erklärung der Sonder-Bischofssynode für Europa, 13. 12. 1991, Vorwort, in: Der Apostolische Stuhl 1991, Città del Vaticano / Köln, o. J., S. 1569). Die Synode von 1991 var sich der Chance, aber auch der "ungeheuren Herausforderungen der gegenwärtigen Stunde bewußt" (ebd.). Ist die Art, in der wir die christliche Berufung verwirklichen, den Anforderungen der heutigen Zeit gewachsen? Die Christen in aller Welt haben die Einladung Eurer Heiligkeit angenommen und sind bereit, das Große Jubiläum der Menschwerdung zu feiern, wobei sie eine ernsthafte Gewissenserforschung beginnen, dadurch daß sie "in einem aufrichtigen und mutigen Akt das Versagen von gestern eingestehen" (vgl. Tertio millennio adveniente, 33); "sie treten demütig vor den Herrn, um sich nach den Verantwortlichkeiten zu fragen, die auch sie angesichts der Übel der Zeit haben" (TMA, 36).

Die Arbeit dieser Synode ist als ein Beitrag zu dieser Gewissenserforschung zu verstehen, die die Feier des Großen Jubiläums uns allen auferlegt. Europa wird alles überprüfen müssen, was seit 1989 für die Entfaltung einer neuen Identität getan wurde, die auf der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität gründet. Wir haben die Aufgabe, die kirchliche Lage im Hinblick auf die Neuevangelisierung zu überprüfen, den speziellen Beitrag, den sie zu der gewünschten geistigen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wiedergeburt unserer Völker leisten kann entsprechend dem Sendungsauftrag des Herrn, dem Menschen das Evangelium des Heils zu verkünden und anzubieten (vgl. Instrumentum laboris, 2).

Die Gewissenserforschung bietet den Christen auch die Gelegenheit einer neuen und tiefgehenden Begegnung mit dem Herrn und folglich eine Gelegenheit zur Umkehr. Denn es geht nicht darum, einfach eine Selbstbetrachtung oder innere Selbstbeobachtung zu halten, sondern vor aIlem auf Christus zu schauen und um dann vor seinem Angesicht unser Leben zu überprüfen, das flüchtig und fragwürdig ist, jedoch von der Kraft der Gnade, die Christus selbst ist, berührt und erneuert wird. Er lebt immer in seiner Kirche, und deshalb können wir die Wirklichkeit mit dem aufrichtigen Willen zur Wahrheit bewältigen. Weil der Herr unter uns gegenwärtig ist, dürfen wir nicht dem Pessimismus verfallen und den Mut verlieren, so groß auch die Herausforderung und so gering auch unsere Erfolge und Möglichkeiten sein mögen. Die Kraft, die wir von Christus empfangen, macht uns fähig, unsere Brüder zu trösten und ihnen den wahren Grund unserer Hoffnung anzubieten (vgl. 2 Kor 1, 3-4): "Jesus Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle der Hoffnung für Europa."

Dieser Bericht, die Relatio ante disceptationem, folgt dem Muster des Instrumentum Iaboris. Er behandelt im ersten (I.) Teil die Herausforderungen der Zeit und die Schwierigkeiten, denen die Kirche heute begegnet; im zweiten (II.) Teil wird das Geheimnis der lebendigen Gegenwart Christi in der Kirche von heute betrachtet, und im dritten (III.) Teil werden Leitlinien für die Kirche angeboten, die das "Evangelium der Hoffnung" durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten im heutigen Europa verbreiten soll.

 

I. Europa und die Kirche an der Schwelle des dritten Jahrtausends: Herausforderungen und Schwierigkeiten

1. So mancher hatte geglaubt, daß nach den glücklichen und überraschenden Ereignissen von 1989 in Ostmitteleuropa bald eine Zeit folgen würde, in der die Europäer endlich ihre Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit unter Achtung der Menschenwürde verwirklicht sehen könnten. Die ausgewogene Diagnose, die die Synode 1991 auf Grund einer Beurteilung gestellt hatte, die solchen Hoffnungen keinen Raum ließ, lautete anders: "Der Zusammenbruch des Kommunismus - bekräftigt die Erklärung, I, 1 - ruft zu einem kritischen Nachdenken über den ganzen kulturellen, sozialen und politischen Weg des europäischen Humanismus auf, soweit er durch den Atheismus, nicht nur im Blick auf das Ergebnis des Marxismus, gekennzeichnet ist, und beweist, daß es faktisch, und nicht nur prinzipiell, nicht angeht, die Sache Gottes von der Sache der Menschen zu trennen" (Erklärung der Sonder-Bischofssynode für Europa, 13.12.1991, in: Der Apostolische Stuhl 1991, Città del Vaticano / Köln, o. J., S. 1570; vgl. Instrumentum laboris, 11).

1.1. Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und nach der Wiederherstellung der Freiheit und Einheit der Völker Europas unter weitgehend demokratischen Regierungsformen ist eine eingehende Reflexion notwendig. Dies um so mehr, als viele Anzeichen eine Entwicklung der Dinge andeuten, die nicht immer günstig, ja manchmal geradezu alarmierend für den Menschen ist. Diese Anzeichen weisen darauf hin, daß trotz des Wandels einige Grundprobleme jenes immanenten Humanismus nach wie vor bestehen, der in die Totalitarismen mündete, die Europa beinahe bis zum Ausgang dieses Jahrtausends bedrängt haben.

Das vergangene Jahrzehnt war zweifellos Zeuge neuer und positiver wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und politischer Entwicklungen für die Völker Ost- und Mitteleuropas. Denn diese wurden wirklich von Regimen befreit, die die Freiheit unterdrückten und unfähig waren, die Entwicklung der produktiven Fähigkeiten der Völker zu gewährleisten, die oft mit einem reichen kulturellen, aber auch wissenschaftlichen und technischen Erbe ausgestattet waren. Diese Feststellung erfüllt uns mit Freude, vor allem weil diese neuen Horizonte auch die Anerkennung der Religionsfreiheit mit sich gebracht und der Kirche neue Möglichkeiten der Evangelisierung eröffnet haben. Der Kommunikationsfluß und der wechselseitige Austausch haben sich verstärkt, und der Aufbau des gemeinsamen europäischen Hauses ist trotz vielfacher und anhaltender Schwierigkeiten vorangeschritten.

Weiter stellen wir fest, daß nicht wenige mehr oder weniger berechtigte Erwartungen dieser vergangenen Jahre enttäuscht wurden und zur Entmutigung im Osten wie im Westen geführt haben. Im Osten ist das erhoffte Wirtschaftswachstum, das den Lebensstandard an den der höher entwickelten westlichen Länder angleichen sollte, ausgeblieben. In einigen Fällen hat der unter so außergewöhnlichen Umständen vollzogene Übergang zur Marktwirtschaft zu mafiaähnlichen Verhaltensweisen geführt, die das nach jahrzehntelanger strenger Staatskontrolle geschwächte wirtschaftliche und politische Leben schwer belasten. Im Westen sind einerseits große Schwierigkeiten entstanden durch die von der Bevölkerung wenig verstandene Verwendung wichtiger Ressourcen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der ehemals kommunistischen Länder jenseits des eisernen Vorhangs und für die Aufrechterhaltung der Stabilität und des Friedens in diesem Gebiet. Noch schwerer wiegen die Gleichschaltung und das ständig sinkende kulturelle und politische Niveau der herrschenden Dogmen und Ideologien. Für einige Vertreter des immanenten Humanismus ging nicht nur der utopistische Bezugspunkt des Marxismus, der auf den angeblichen Erfolgen des "realen Marxismus" gründet, verloren. Es scheint sich eine Art resignativer Gleichgültigkeit auszubreiten angesichts der Unmöglichkeit, der Gesellschaft einen Plan und ein Programm zur wahren Erneuerung Europas für die Zukunft anzubieten. Die offensichtliche Unfähigkeit der Staaten im allgemeinen und der Europäischen Gemeinschaft selbst, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, ist eines der deutlichsten Anzeichen jener verbreiteten Apathie, die man so häufig in den westeuropäischen Ländern antrifft.

"Nach 1989 sind jedoch neue Gefahren und neue Bedrohungen aufgetaucht. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die ernstahfte Gefahr der Nationalismen zutage getreten, wie leider die Vorgänge auf dem Balkan und in anderen benachbarten Gebieten zeigen. Das zwingt die europäischen Nationen zu einer ernsthaften Gewissensprüfung in Anerkennung von Schuld und Irrtümern, die im Laufe der Geschichte auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet gegenüber Nationen begangen worden sind, deren Rechte von den imperialistischen Systemen des vorigen wie des jetzigen Jahrhunderts systematisch verletzt worden sind" (TMA, 27). Und wie Eure Heiligkeit in der Botschaft anläßlich des 50. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges betonte, darf man die Mahnung Pius' Xl. von 1930 nicht vergessen: "Es wird sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich sein, daß der Friede zwischen den Völkern und zwischen den Staaten andauert, wenn statt wahrer und echter Vaterlandsliebe ein egoistischer, hartnäckiger Nationalismus um sich greift und sich austobt, das heißt Haß und Mißgunst an Stelle gegenseitigen Wohlwollens" (zitiert in: Johannes Paul II., Botschaft anläßlich des 50 Jahrestages des Endes des Zweiten Welt kriegs; OR. dt., Nr. 20, 19. 5. 1995, S. 8).

Wenig später prangerte dieser weit vorausblickende und mutige Papst in seiner Enzyklika "Mit brennender Sorge" den Nationalismus als einen der fatalen Götzen der modernen Zeit an.

1.2. In der Tat müssen wir uns, wenn wir die Ursachen des Mangels an Hoffnung aufdecken wollen, auch in dieses moderne Menschenbild vertiefen. Denn es hat dazu geführt, daß der Mensch als absoluter Mittelpunkt allen Seins betrachtet wird, so daß er fälschlicherweise an die Stelle Gottes getreten ist; und man hat vergessen, daß es nicht der Mensch ist, der Gott erschaffen hat, sondern Gott den Menschen erschaffen hat. Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt. Das Fortdauern dieses immanenten Humanismus, der dem radikalen philosophischen Liberalismus und dem Marxismus zugrunde liegt, hat die Europäer heute in eine problematische und krisenhafte Situation gebracht. Einerseits führten die Ereignisse von 1989 zu der berechtigten Hoffnung, daß die negativen Nachwehen jener extremsten Form des noch bestehenden Immanentismus, nämlich des kommunistischen Totalitarismus, überwunden seien. Denn schließlich handelte es sich um eine gute Gelegenheit, die augenscheinlichen und manchmal dramatischen Auswüchse des vorherrschenden Individualismus im Westen zu überprüfen. Aber andererseits sind viele Ausgangspfade, die man gemeinsam auf dem Weg zum neuen Europa eingeschlagen hat, dem obengenannten Menschenbild verpflichtet, also eben demselben, das den Problemen zugrundeliegt, die man überwinden wollte und will. Man findet keine wahre und zufriedenstellende Lösung. So kommt es, daß heute im Osten wie im Westen sogar jene Kraftquellen versiegt zu sein scheinen, die in den vergangenen Jahrhunderten die herrschende Kultur in Europa dazu angetrieben haben, alle ihre Hoffnungen auf den Weg der Menschheit zu immer höheren Zielen nicht nur des materiellen Wohlstands, sondern auch der Gerechtigkeit und Freiheit zu setzen.

Es verwundert nicht, daß in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im gnoseologischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist. Der Plan, eine wirklich menschliche Welt auf dem einzigen Fundament der reinen Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen zu bauen, findet weder jene etwas einfältige Zustimmung des 19. Jahrhunderts noch den Anklang wie in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts. Es scheint, daß alles schon einmal ausprobiert worden sei. Dennoch stellt sich die Frage weiterhin: Worauf soll man das Leben und die Gesellschaft aufbauen? Auf welche Wahrheit, welche moralischen Werte, welche lebenswichtigen Motivationen? Heute lautet die häufig wiederkehrende Antwort: auf keine Wahrheit (weil man nicht einmal an die Wahrheit des Menschen glaubt), auf keinen dauerhaften Wert (weil man meint, es gäbe keinen), auf keinem Ideal, wenn es nicht das des unmittelbaren Genusses dessen ist, was das Leben uns an Angenehmem bieten kann (denn man vertraut nicht einmal mehr auf den Fortschritt als Ziel der Menschheit). Die ungeheuerliche Krise, die die Familie als grundlegende Institution der Gesellschaft erschüttert, da man sie vom Ehebund als ihrer wesentlichen und bindenden Wurzel trennen will, einhergehend mit dem scheinbar unaufhaltsamen Geburtenrückgang, liefert mehr als einen hinreichenden Grund zu meinen, daß es sich hier um die vorherrschenden Antworten jener Gesellschaften handelt, die angesichts der Zukunft eine Haltung lähmender und egoistischer Mutlosigkeit einnehmen. Unter diesen Voraussetzungen sind sowohl das Entstehen neuer Formen sozialer Ausgrenzung als auch die Unfähigkeit unvermeidlich, das wachsende Phänomen der Emigration nach gerechten und solidarischen Maßstäben anzugehen.

War die Hoffnung, die vom Kommunismus unterdrückten Völker zu befreien, vielleicht die letzte wahre, große Hoffnung, die die Europäer des 20. Jahrhunderts gehegt haben? Bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich mit dem bescheidenen Horizont der Alltäglichkeit, der Flüchtigkeit der gegenwärtigen Freude abzufinden, von der man weiß, daß sie vorbeigeht, die aber am Ende als das einzige betrachtet wird, das zählt? Ist das wirklich der einzige Ausweg aus der Krise der Ideologie des Fortschritts, die heute unweigerlich den immanenten Humanismus erfaßt hat? Solche Fragen drängen sich unserem Gewissen und unserem Herzen als Hirten der Kirche Christi auf dem Weg hin zu einem neuen Europa auf. Es ist notwendig, daß diese Versammlung ihnen die höchste Aufmerksamkeit schenkt. Zugleich sind es nicht die einzigen Fragen, die uns bedrängen. Manch einer spricht weiterhin vom rein menschlichen Fortschritt als einem illusorischen Ziel für die Erwartungen der Menschen und als Anreiz für die politischen Programme. Andere wollen wirklich auf eine menschlichere und solidarischere Zukunft unter den Völkern von West- und Osteuropa sowie von Europa mit den Völkern der südlichen Hemisphäre vertrauen, auf ein Programm, in das sie Einfallsreichtum, Ressourcen und Arbeitskraft investieren. Dennoch gelingt es ihnen scheinbar nicht, die Verzweiflung über eine Situation zu überwinden, in der man den Mangel an Zielsetzungen und Lösungen verspürt; ebensowenig läßt sich vermeiden, diese Verzweiflung als ein vorherrschendes Merkmal des Europa von heute anzusehen, das für die Kirche eine Herausforderung darstellt. Welche Position nimmt die Kirche diesbezüglich ein? Wie schreitet sie voran auf dem Weg, auf dem heute ihre Zeitgenossen unterwegs sind? Welchen Dienst übt sie aus? Welchen Beitrag wahrhafter Menschlichkeit leistet sie den Europäern in diesem entscheidenden Augenblick der Geschichte?

2. Ehrwürdige Brüder, die Arbeit wird sich in diesen Tagen auf die Beantwortung dieser Fragen konzentrieren. Wir müssen uns großherzig der Gnade des Heiligen Geistes öffnen und sein Zeugnis hören, um den vielfältigen Reichtum der Gegenwart Christi in der Kirche wahrzunehmen. Das ist unser Schatz. Wir haben denen, die uns um Hilfe bitten, nichts anderes anzubieten. Denkt an die Episode, die von Petrus in der Apostelgeschichte berichtet wird: "Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!" (Apg 3, 6). Wir werden auf diesen Punkt in dieser Relatio noch zurückkommen. Aber zuvor ist es notwendig, uns einige Umstände bewußt zu machen, die das Leben der Kirche erschweren und es ihr nicht erlauben, der Welt jenes klare Zeugnis Christi und seines Evangeliums anzubieten, das sie heute so dringend braucht.

2.1. Erstens müssen wir zugeben, daß wir Christen selbst, insbesondere im Westen, uns manchmal vom Geist des immanenten Humanismus haben anstecken lassen und dem Glauben die Kraft entzogen haben, so daß wir ihn manchmal sogar ganz verloren haben. Die Mode, den christlichen Glauben säkularistisch zu verstehen, um die Dinge dieser Welt besser planen und organisieren zu können, scheint noch nicht untergegangen zu sein. Die Verkürzung des Glaubens auf ein Werkzeug, das dazu dient, die Willenskräfte zu mobilisieren und so gesellschaftspolitische Ziele anzustreben, erwächst aus der Schwächung des Glaubens an Jesus Christus, der für unser Heil gekreuzigt wurde und auferstanden ist, und findet den deutlichsten negativen Ausdruck in der Sinnentleerung des letzten Glaubensartikels: "Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt." Denn wenn der Glaube an Gott den Vater, und an Jesus Christus, der das Tor des ewigen Heils mit Hilfe des Geistes öffnet, einem rein menschlichen diesseitigen Fortschritts- und Zukunftsglauben Platz macht, löst sich die Hoffnung auf das ewige Leben auf und verschwindet. Außerhalb von Jesus Christus wissen wir nicht, was Gott, das Leben, der Tod und wir selbst sind. So verwundert es nicht, daß eine Kultur ohne Gott schließlich auch eine Kultur ohne Hoffnung wird. Denn nur in Ihm, der die ewige schöpferische Liebe ist, findet das Herz des Menschen seinen wahren Ursprung und seine wahre Bestimmung. Hingegen ist es erschreckend und verwunderlich, daß Predigten, Katechese, Religionslehre und christliches Leben im allgemeinen dem Glauben der Kirche an die Auferstehung und an das ewige Leben nicht mehr Aufmerksamkeit schenken. Das ist ein deutliches Symptom der Schwächung, wenn nicht der tiefen Entleerung des christlichen Glaubens, weil "[...] die Sendung der Gläubigen immer und überall [...] auf die eschatologische Zukunft ausgerichtet" ist (Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, 16. April 1993; in: Der Apostolische Stuhl 1993, Città del Vaticano / Köln 1999, S. 845).

Die Folgen dieses Glaubensverlustes durch die immanentistische Mentalität betreffen weitgefächert alle Bereiche des kirchlichen Lebens. Die Integrität der im Credo bekannten Heilswahrheit ist keine rein "theoretische" Frage, die das Christenleben nicht beeinflußt. Im Gegenteil, es kann keine "Orthopraxis" ohne wahre Orthodoxie geben, und nur eine wahrhaft gelebte Orthodoxie führt zu einer wahren "Orthopraxis". Tatsächlich wurzeln fast alle größeren Schwierigkeiten, denen die Kirche in Europa heute begegnet, in der Krise der Glaubenswahrheit, die ihrerseits zu einer schweren Zersplitterung der Lehre führt, die am Ende das Gewissen der Gläubigen trifft: die Frage des kirchlichen Amtes und des geweihten Lebens; die Berufung der Laien und ihre Präsenz in der Welt; die Verkündigung des Evangeliums an die jungen Generationen.

Die Krise der Berufungen zum Priestertum und insbesondere der Berufungen zum geweihten Leben ist noch nicht überwunden. Europa, das bis vor kurzem Priester und Ordensleute in die Missionen und in die jungen Kirchen der ganzen Welt entsandte, hat heute weniger Berufungen als jeder andere Erdteil und sieht sich mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert, die eigenen Ortspfarreien mit geweihten Arntsträgern zu besetzen; viele Klöster leeren sich und werden aufgelöst. Die bedeutende Evangelisierungs- und Bildungsarbeit der Ordensgemeinschaften und Ordenskongregationen ist weitgehend zurückgegangen und auf reine Zusammenarbeit mit Personen und Institutionen von Staat und Stadt geschrumpft, oder sie ist in vielen Gebieten und Bereichen ganz verschwunden. Die Gründe dieser besorgniserregenden Situation sind zweifellos unterschiedlich und komplex. Es ist aber nicht zu leugnen, daß die tiefsten Ursachen in der inneren Säkularisierung zu suchen sind, das heißt in der Verdunkelung oder im Verlust der Glaubenswahrheiten in unserem Leben und unserem pastoralen Dienst.

Man kann sich keine Priesterberufungen erhoffen, wenn das Priesterbild, das angeboten wird, das eines "Sozialarbeiters" oder eines "Psychotherapeuten" ist und nicht das Bild dessen, der zuerst und vor allem Diener des einzigartigen Priestertums Christi und Verwalter seiner Heilsgeheimnisse ist, die den Menschen vom Tod und von der Sünde befreien und ihm die unendlichen Horizonte des Lebens und der ewigen Liebe Gottes erschließen. Man kann nicht hinreichende und dauerhafte Berufungen zum geweihten Leben erwarten, wenn die Ordensleute eher "Welt-Gläubige" als Zeugen und Diener des "einzig Notwendigen" durch ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu sein scheinen, dessen letzter Sinn es ist, sichtbares Zeichen des ewigen Lebens zu sein. Man kann keine wahre Wiederbelebung der Spiritualität und des Laienapostolats erwarten, wenn man sich an die Muster der sozialen und politischen Vereinigungen hält, die rein weltliche Zielsetzungen des Machtanspruchs und der Machtverteilung anstreben. Denn auf diese Weise leugnet man die wahre Natur der Berufung des Laien, die darin besteht, diese Welt gemäß dem Evangelium zu verwandeln. Man wird das Glaubensgut an die jungen Generationen nicht weitergeben können, wenn man ihnen die Formeln eines mehr oder weniger modernen oder postmodernen Humanismus anbietet der mehr oder weniger durchtränkt ist von einer vagen Religiosität unterschiedlichen Inhalts anstelle der einzigen Wahrheit, die uns rettet: die der von Jesus Christus geoffenbarten Liebe Gottes, die noch immer von der Kirche und in der Kirche anerkannt wird.

2.2. An zweiter Stelle müssen wir feststellen, daß die innere Säkularisierung des christlichen Lebens außer der Aushöhlung der Glaubenswahrheiten und der für das Leben der Kirche verheerenden Folgen auch eine tiefreichende Krise des Gewissens und der christlichen Moralpraxis mit sich bringt, die die kirchliche Einheit gefährdet und die Evangelisierungsarbeit zunichte macht (vgl. Instrumentum laboris, 23). Die Enzykliken Veritatis splendor von 1993 und Evangelium vitae von 1995 haben mit theologischem und pastoralem Weitblick darauf hingewiesen.

Auch unter den Katholiken hat sich das Vorurteil verbreitet, wonach der Hinweis auf absolute moralische Werte unvereinbar sei mit einer Anthropologie, die die Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen nach ihrem rechten Maß bewertet, ebenso wie die Achtung, die dem Gewissen eines jeden einzelnen gebührt. Unter dem Einfluß des historistischen Relativismus und eines verkürzten Begriffs der menschlichen Vernunft gibt es nicht wenige, die dem Lehramt der Kirche in der Praxis eine wirklich maßgebliche Zuständigkeit in Fragen der Moral aberkennen und sich darauf beschränken, ihm eine mahnende Funktion einzuräumen, welche die grundlegende Arbeit der Moral überlagert, die nach Meinung mancher dem rein rationalen Diskurs zu überlassen wäre.

Es überrascht nicht, daß unter diesen Voraussetzungen weiterhin theologische Lehren verbreitet werden, die im Gegensatz zur Lehre der Kirche bezüglich jener Fragen stehen, welche die Grundrechte der menschlichen Person und das rechte Zusammenleben der Menschen betreffen, wodurch der innerkirchliche Dissens noch stärker geschürt wird (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Donum veritatis, 1990, besonders Nr. 32-38).

An der Wurzel dieser Situation finden wir wieder eine verkürzte Anthropologie, die wenig mit dem christlichen Menschenbild zu tun hat. Der Schwund Gottes im modernen Gewissen hat zu einer maßlosen Sicht der Subjektivität als Quelle und Fundament der Wahrheit geführt. In diesem Rahmen wird die Freiheit, verstanden als tiefste Quelle jeder Wahrheit, schließlich als Herrin und Herrscherin der Welt angesehen, die jedes Gesetz, das nicht ihrem Plan entspricht, unbeachtet läßt. Man braucht sich also über die einzelnen Verletzungen der Menschenrechte nicht zu wundern, ebensowenig über die Art der Konzepte und der Praxis des "Tyrannenstaates", der außer seiner eigenen "Souveränität" ohne Werte und Normen auskommt. Der Nationalsozialismus und der Kommunismus waren die unheilvollsten Erscheinungsformen dieser Staatsauffassung. Auch die Demokratien des Westens und des Ostens können sich nicht der Gefahr entziehen, manipuliert zu werden und sich in Schmelztiegel und Sammelpunkte von sozialen Handlungen und Verhaltensweisen zu verwandeln, welche die unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person und der sie ursprünglich schützenden Institutionen gefährden oder sogar direkt verletzen.

2.3. Bei diesem Stand der Dinge muß sich die Kirche in Redlichkeit und Vertrauen vor dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Fragen über ihre Befindlichkeit und die notwendigen Eigenschaften stellen, damit ihr Zeugnis wahrhaft Quelle der Hoffnung des Lebens für die Europäer von heute ist. Das wird uns drittens erkennen lassen, daß der Schwund der Glaubenswahrheiten und des christlichen Moralbewußtseins unweigerlich einen Schwund der Evangelisierungsfähigkeit der Kirche zur Folge hat, der nicht mit irgendwelchen Erklärungen der Bereitschaft zum Dialog und zum Dienst gerechtfertigt werden kann.

Die Glaubwürdigkeit der Kirche im neuen Europa setzt die Festigung und Förderung des Dialogs und der Zusammenarbeit unter den verschiedenen christlichen Bekenntnissen und zwischen all jenen, die an Gott glauben, voraus. Aber noch mehr. Auch der aufrichtige und vertrauensvolle Dialog mit den Nichtglaubenden ist in den demokratischen und pluralistischen Gesellschaften nicht zu umgehen (vgl. Veritatis splendor, 74, und Evangelium vitae, 82a, 90, 95c). Der "Dialog des Heils" (vgl. Paul VI., Ecclesiam suam, 39) der Christen untereinander und der Kirche mit der Welt erweist sich als ein schwieriges und heikles Unterfangen, das nur dann reiche Frucht bringt, wenn man von der Wahrheit des Evangeliums nicht absieht und sie nicht systematisch ausklammert. In der europäischen Öffentlichkeit wird über schwerwiegende aktuelle Probleme diskutiert, von denen nicht wenige "unempfänglich für einen freundschaftlichen Dialog" sind, wie Paul VI. schrieb (Ecclesiam suam, 5). Wir denken dabei an Fragen wie die Forschung an menschlichen Embryonen und ihre systematische Tötung, Abtreibung und Euthanasie, eine gesunde Auffassung von Ehe und Familie sowie Drogen und Waffenhandel. Für manche dieser Fragen haben die europäischen Staaten und Organisationen Regelungen getroffen, die in offenem Widerspruch zum christlichen Menschen- und Weltbild stehen. Es ist notwendig, den Dialog geduldig und konstruktiv weiterzuführen. Aber Bedingung dieses Dialogs darf nicht - wie manche Katholiken scheinbar meinen - der relativistische Pluralismus sein, also die auch theoretische Zurückweisung jedweden Prinzips im Namen von rein pragmatischen Vereinbarungen.

Ähnliches ist auch vom Engagement in den verschiedenen Bereichen zu sagen, in denen die menschliche Solidarität und christliche Nächstenliebe die Präsenz der Jünger Christi erforderlich macht. Gott sei gedankt, daß so viele freiwillig ihre Zeit, ihre Mittel und sogar ihr Leben den vielfältigen Diensten zur Verfügung stellen. Die kirchlichen Vereinigungen für karitative Zwecke und für die Förderung der Gerechtigkeit unter den Ausgegrenzten unserer Gesellschaften und unter den Völkern Europas sowie den Ärmsten der übrigen Kontinente arbeiten mit bewundernswerter und unvergleichlicher Hingabe. Dennoch ist die innere Säkularisierung auch hier eingedrungen. Es ist notwendig, darüber zu wachen, daß die Freiwilligendienste und vor allem die kirchlichen karitativen Verbände sich nicht am Ende in andere "Nichtregierungsorganisationen" verwandeln, so daß ihre Identität und ihre christlichen Handlungskriterien verzerrt werden oder in einer rein humanitären Aktivität untergehen. Je mehr die Dienstleistungen katholischer Personen oder Vereinigungen die Morallehre der Kirche hinsichtlich der Würde der Person und der auf das Gemeinwohl abzielenden wahren sozialen Gesinnung widerspiegeln, um so besser wird es gelingen, die wirklichen Ursachen der Armut und der Ausgrenzung zu beseitigen. Ebenso klar ist, daß nur eine angemessene und systematische Einbindung in die Pfarreien, Diözesen und in die ihnen übergeordneten kirchlichen Strukturen sowie die Verwurzelung im geistlichen und sakramentalen Leben der Kirche den Dienstleistungen der Personen und Institutionen neuen Antrieb geben können. So werden sie zum lebendigen Zeugnis der Nächstenliebe und der Hoffnung, die vor allem unsere benachteiligten Brüder und Schwestern in Europa heute ersehnen, jener Hoffnung, die nicht zugrunde gehen läßt (vgl. Röm 5, 5) und die der ewigen Quelle entspringt, die Jesus Christus ist (vgl. Johannes Paul II., Redemptor hominis, 13).

 

II. Jesus Christus lebt in seiner Kirche

Das II. Vatikanische Konzil, das große Geschenk, das uns der Heilige Geist in diesem ausgehenden Jahrhundert angeboten hat, hat zu einer neuen Erkenntnis der Kirche über sich selbst und ihre Sendung geführt, weil sie sie veranlaßt hat, sich auf ihre Mitte und ihren ewigen Ursprung zu besinnen: auf Christus und den dreifaltigen Gott, den er offenbar gemacht hat. Das Ereignis des Konzils und in gewissem Sinn auch die Feiern der Synoden haben die vergangenen Jahrzehnte besonders geprägt. Ich denke vor allem an die Sondersynode von 1985, die das Konzil zwanzig Jahre nach seinem Abschluß in Erinnerung gerufen und überprüft hat. Sie sind Ausdruck der lebendigen Gegenwart des auferstandenen Christus in seiner Kirche, die er mit der Kraft des Heiligen Geistes weiterhin belebt (vgl. IL, 28-32).

Der neue Frühling der Kirche, den Papst Johannes XXIII. angekündigt und den das Konzil vorbereitet hat, wurde in Europa besonders auf Grund der vom Säkularismus aufgeworfenen Probleme - einige davon wurden soeben hier angeführt - in manchen Fällen verhindert und in vielen Fällen verlangsamt. Dennoch fehlt es in letzter Zeit nicht an deutlichen, unverwechselbaren Zeichen des Wirkens des Geistes Jesu Christi. Sie stärken unseren Glauben an die Kirche als Leib Christi und neues Volk Gottes und nähren auf übernatürliche Weise unsere Hoffnung. Erlaubt mir, ehrwürdige Brüder, einige davon zu nennen, die die Kraft erkennen lassen, mit der in unseren Kirchen in Europa für Jesus Zeugnis abgelegt wird, mit der er gefeiert und mit der Jesus gedient wird.

1. Wir stellen mit Freude fest, daß die Kirche nicht nachgelassen hat, das Wort Gottes zu hören, zu erforschen und zu bezeugen. Und dies geschieht in vielfältiger Weise vor den Menschen unserer Zeit, weil dieses Wort, das der Herr Jesus Christus selbst ist, Tag für Tag die Hirten und die Gläubigen und alle übrigen Menschen herausfordert. Er ist das lebendige Wort, der ewige Sohn Gottes, der im jungfräulichen Schoß Marias Mensch geworden ist. Er begleitet uns auf allen Wegen dieser Welt, er hat uns das Antlitz des lebendigen Gottes geoffenbart, des barmherzigen Vaters, und er hat uns die Quelle des wahren Lebens erschlossen. Durch seine Menschwerdung, seinen Tod und seine Auferstehung haben wir Zugang zum ewigen Leben, das darin besteht, Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat (vgl. Joh 17, 3).

In letzter Zeit verspürt man immer mehr das Bedürfnis, die Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils zu vertiefen, besser zu verstehen und in das Leben der Kirche getreu zu überführen. In dieser Hinsicht waren die erhellenden Weisungen und Anregungen der Synode von 1985 nützlich. Es wurden Fortschritte gemacht, die "falsche Gegenüberstellung von Lehr- und Seelsorgsauftrag" zu überwinden, weil "das wahre Anliegen der Pastoral in der Aktualisierung und Konkretisierung der Heilswahrheit besteht, welche in sich für alle Zeiten Gültigkeit hat" (Schlußdokument der 2. außerordentlichen Bischofssynode, 10. 12. 1985, in: Der Apostolische Stuhl 1985, Città del Vaticano / Köln, o. J., S. 1871). Nicht wenige suchen die Katholizität der Interpretation der Heiligen Schrift in der Kirche stärker ins Bewußtsein zu rücken; dazu haben zweifellos die von der Päpstlichen Bibelkommission 1993 veröffenflichten Leitlinien beigetragen. Doch die Anregung der Synode, die konkretere und weit bedeutendere Früchte gebracht hat, lautete, einen verbindlichen Katechismus für die ganze Kirche zu verfassen.

Tatsächlich ist die Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche im Jahr 1992 "unbedingt zu den bedeutendsten Ereignissen der jüngeren Kirchengeschichte zu zählen", wie Eure Heiligkeit anläßlich der Vorstellung des Katechismus am 7. Dezember des gleichen Jahres sagte. Zum zweiten Mal in ihrer zweitausendjährigen Geschichte hat die Kirche ein solches Buch geschaffen. Es handelt sich um ein Werkzeug im Dienst der Weltkirche. Aber das Echo, das der Katechismus in Europa hervorgerufen hat, zeigt, daß die Anregungen der Synode von 1985 wertvoll und für unsere Kirchen äußerst nützlich waren. Denn in ihnen ist das schwierige Problem der Weitergabe des Glaubens an die jungen Generationen ganz besonders hervorgetreten. Die weltweite positive Aufnahme des Katechismus und der überraschende Erfolg seiner Herausgabe beweisen, daß unsere Zeitgenossen über den Glauben der Kirche genau informiert werden wollen. Trotz der mehr oder weniger originellen Meinungen mancher Autoren interessiert sich der Mensch von heute weiterhin für die von der Kirche angebotene Heilslehre, die ihm das Wort des Lebens, Jesus Christus, der in ihr lebt, näherbringt.

Wir haben auch den Geist des auferstandenen Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt in der lehramtlichen Weisung Eurer Heiligkeit an das Volk Gottes verspürt. Ich habe schon an die Enzykliken Veritatis splendor (1993) und Evangelium vitae (1995) erinnert; wir dürfen aber auch Ut unum sint (1995) und Fides et ratio (1998) nicht vergessen. Alle diese Enzykliken bezeugen klar und deutlich das lebendige Wort als Fundament der unveränderlichen Werte, die die Würde des menschlichen Lebens stützen, als Verpflichtung und Weg zur Einheit der Christen und als Heilung und Stärkung für die geschwächte Vernunft. Das vom Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente 1994 vorgelegte Pastoralprogramm bereitet unsere Kirchen intensiv auf das Jubiläum der Menschwerdung des Wortes vor und auf die Lobpreisung der Heiligsten Dreifaltigkeit durch einen stärkeren Glauben, der voller Hoffnung und in der Liebe wirksam ist (vgl. Gal 5, 6).

Die Kirche dankt Gott für alle diese Dienste, vom Lehramt bis zum Wort des Lebens, durch die sich die Verheißung des Herrn erfüllt: "Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 20). Aber die Kirche dankt auch für das Zeugnis, das unsere Brüder und Schwestern in jeder Lebenslage und jedem Lebensstand vor der Welt in diesen Jahren und im Laufe des ganzen ausgehenden Jahrhunderts unablässig gegeben haben.

Ich denke an die vielen Priester, die im Sturm der Säkularisierung, der die Gesellschaft und die Kirche in Europa erfaßt hat, ihrer Berufung als Diener des Evangeliums treu geblieben sind. Ihr Zeugnis und ihr Dienst fehlen weder in den Land- noch in den Stadtpfarreien, ebensowenig in den Bildungseinrichtungen und in den Krankenhäusern. Oftmals mußten sie sich gegen Verachtung, Verspottung und sogar persönliche Angriffe verteidigen, auch in den westlichen Ländern, die so stolz auf ihren angeblich so offenen und toleranten Lebensstil sind, ganz zu schweigen vom Unverständnis seitens ihrer Glaubensbrüder. Aber durch ihre Treue, ihre Einfachheit und Standfestigkeit, die ein deutliches Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes sind, der ihr Leben fruchtbar macht, haben sie der Kirche einen unbezahlbaren Dienst erwiesen. Sie haben das Glaubenszeugnis in stürmischer Zeit gelebt und das Zeugnis der priesterlichen Berufung und Spiritualität an die jungen Menschen weitergegeben, die der Herr in seinen Dienst rufen will. Das fortgeschrittene Alter schwächt keineswegs das Zeugnis vieler Priester, die glücklich sind über die langen Jahre der Hingabe an den Herrn im Zölibat um des Himmelreiches willen; es verleiht ihrem Dienstamt sogar eine besondere Ausstrahlung.

Die Missionare, die zum Großteil aus unseren europäischen Kirchen kommen, geben in aller Welt Zeugnis von Christus. Ihr ganz der Verkündigung des Reiches Gottes gewidmetes Leben ist Ausdruck der lebenspendenden Gegenwart des Herrn in seiner Kirche. Angesichts einer Kultur des Vergänglichen, wo es am vollen Einsatz für das Leben fehlt, wird ihr Zeugnis zu einer noch größeren Herausforderung an unsere Länder, die sich auf eine lange christliche Tradition berufen können. Der persönliche Einsatz für die Ärmsten in allen Teilen der Welt, der ihnen die Liebe Jesu Christi anbieten will, gipfelt oft in einem neuen christlichen Heroismus.

Ich denke auch an alle, die sich der theologischen Forschung und Lehre widmen. Es sind viele, der überwiegende Teil, die durch ihre tägliche Arbeit ihren Auftrag in echter Gemeinschaft mit der Kirche erfüllen trotz der häufigen gegenteiligen Anreize. Die Aufgabe, die den Theologen heute durch die Neuevangelisierung der "Kultur der Freizügigkeit" gestellt wird, ist zweifellos gewaltig. Man muß beharrlich und nüchtern arbeiten. Insbesondere müßte man die Einbindung der Frau in die theologischen Aufgaben fördern, um dem Dienst der Evangelisierung und des Dialogs mit neuen Kulturformen Wege zu öffnen.

Ich denke an die christlichen Familien, die, indem sie sich zu echten "Hauskirchen" machen, wie das II. Vatikanische Konzil sie nennt (Lumen gentium, 11), der Ort waren, wo sich Christus so vielen Menschen in Ost- und Westeuropa gezeigt hat. Als die öffentlichen Institutionen, die Schule und auch einige kirchliche Bereiche, aufhörten, für die jungen Generationen Erziehungs- und Bildungskanäle in der Liebe zu Christus und in der christlichen Hoffnung zu sein, haben die Familien das Samenkorn des persönlich angenommenen und gelebten Glaubens in die Herzen der Jugendlichen eingepflanzt. Oft waren es die Großmütter, die die Enkel und durch sie die Kinder zur Begegnung oder zur Wiederbegegnung mit Jesus Christus anleiteten. Sei es, daß der Staat die Evangelisierung direkt verhindert hat, sei es, daß der praktische Materialismus den Glauben der Jugendlichen gefährdet, gibt es doch viele, die ihren Eltern oder Großeltern die Taufe, die Vorbereitung auf die Erstkommunion und sogar den Ehebund oder das Verständnis und die wahre Bewertung dessen, was das Wort "Liebe" bedeutet, zu verdanken haben. Sollen wir nicht dankbar auf diese Familien und diese Personen schauen, die Zeichen dafür sind, daß der auferstandene Christus in seiner Kirche lebt und gegenwärtig ist?

Wir dürfen auch nicht die bemerkenswerten Fortschritte der vergangenen Jahre im Zeugnis für Jesus Christus vergessen, das von den verschiedenen in Europa vertretenen christlichen Bekenntnissen vor der Welt gegeben wurde. Hier möchte ich an die gemeinsame Erklärung über die christologische Lehre erinnern, die von Eurer Heiligkeit und dem armenischen Patriarchen Katholikos Karekin I. am 13. Dezember 1996 unterzeichnet wurde, sowie an die "Gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung", die, so Gott will, am 31. Oktober des Jahres vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und vom Lutherischen Weltbund unterzeichnet werden soll. Die Reise des Papstes nach Rumänien und seine Begegnung mit Patriarch Teoctist sowie der Romaufenthalt des Patriarchen von Konstantinopel, Bartolomaios I., sind Anzeichen fortschreitenden Einvernehmens mit den ehrwürdigen orthodoxen Kirchen. Es ist lebenswichtig, auf dem Weg der Einheit voranzugehen und das zu bezeugen, was den Kern des von der Kirche verkündeten Evangeliums ausmacht: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3, 16). Gewiß führt uns der Geist Jesu Christi, der in seiner Kirche lebt, zur Wiederherstellung der Einheit, wenn wir uns geduldig und ehrlich anstrengen, gemeinsam der Wahrheit näherzukommen.

2. Die Einheit der Christen ist wichtig, weil die bestehende Spaltung in gewisser Weise den Charakter der Kirche als Sakrament gefährdet. Denn Christus ist für jede Generation nicht nur durch den Dienst am Wort in seiner Kirche gegenwärtig, sondern durch die Kirche selbst als Geheimnis der Gemeinschaft, als Leib Christi und Volk Gottes: "Die Kirche ist ja - wie das Konzil lehrt - in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG, 1). Darauf hat die Sondersynode von 1985 zu Recht mit Nachdruck hingewiesen. Die Synodenväter betonten in der Schlußerklärung: "Wir können die falsche, einseitig nur hierarchische Sicht der Kirche nicht durch eine neue, ebenso einseitige soziologische Konzeption ersetzen. Jesus Christus ist immer bei seiner Kirche und lebt als Auferstandener in ihr. Aus der Verbindung der Kirche mit Christus geht der eschatologische Charakter dieser Kirche deutlich hervor (vgl. LG, VII. Kap. 7). So ist die auf Erden pilgernde Kirche das messianische Volk [...], das die neue Schöpfung bereits in sich vorwegnimmt" (Schlußdokument der 2. außerordentlichen Bischofssynode, 10. 12. 1985, in: Der Apostolische Stuhl 1985, Città del Vaticano / Köln, o. J., S. 1868). Und an anderer Stelle erklärten die Väter, daß die Kirche dieses messianische Volk ist, die Vorwegnahme der zukünftigen Herrlichkeit kraft der "Einheit im Glauben und in den Sakramenten sowie durch die Einheit der Hierarchie" (a.a.O., S. 1874).

Dank der Feier der Liturgie und der Sakramente haben die Gläubigen schon jetzt am göttlichen Leben teil in der Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die eines Tages im ewigen Leben ihre Vollendung finden wird. Verkündigung und Katechese müssen also zur Feier der Heilsgeheimnisse hinführen. Die liturgische Erneuerung hat weitgehend dazu beigetragen, daß die Feier nachdrücklicher mit dem Wort Gottes und mit der Heiligung des ganzen Lebens verbunden wird. In der Tat gibt es viele Orte, an denen die im Geist des Konzils und gemäß den Weisungen der Bischöfe erneuerte Liturgie zu einem reicheren und bewußteren kirchlichen Leben geführt hat (vgl. IL, 68-70).

Wir denken an die Ordensgemeinschaften, die täglich das Stundengebet verrichten, so daß sie dem allgemeinen Lobpreis Gottes die Ermutigung und den Wohlgeruch des Gebetes und der Kontemplation hinzufügen, die der einzelne in der "Wüste" seines Lebens, in die der Herr uns gerufen hat, übt. Wir denken auch an so viele Bischofskirchen, Pfarrkirchen und Heiligtümer, in denen die Liturgie und die Sakramente lebendig, würdevoll und mit innerer Anteilnahme gefeiert werden. Die theologische Ausbildung und Vorbereitung der Zelebranten des Gottesdienstes wird zunehmend verbessert, wie sie vom Konzil angeregt und von den Bischöfen ständig gefordert wurde.

Die Laien und die Ordensleute beteiligen sich immer stärker an der Feier der Liturgie und der Sakramente. So wird vor der Welt und der feiernden Gemeinde das Priestertum des ganzen heiligen Volkes Gottes offenbar. An manchen Orten, wo es an geweihten Amtsträgern fehlt, helfen die Laien und die Ordensleute den Bischöfen, damit der Wortgottesdienst, die Kommunionspendung und andere Feiern nicht ausfallen. (Das soll keineswegs als Vorwand dienen, die großen Schwierigkeiten in der Lehre und Pastoral im Hinblick auf den Priestermangel nicht zu beachten, der weiterhin der Kirche Leiden und Schwierigkeiten bereitet.) Aber diese Wirklichkeit hat die von der Vorsehung gewollte Gelegenheit geboten, eingehender über den sakramentalen Charakter der Kirche und den zentralen Sinn des Weiheamtes in ihr nachzudenken, das ihr vom Heiligen Geist geschenkt wurde, um Christus, das Haupt der Kirche, darzustellen. Das Apostolische Schreiben Ordinatio sacerdotalis von 1994 hat entscheidend dazu beigetragen, diese Wirklichkeit zu klären, und es hat zur Vertiefung der in Frage gestellten theologischen und praktischen Aspekte eingeladen.

Zusammen mit dem liturgischen Leben hat die Volksfrömmigkeit einen Weg gesucht, die Frömmigkeit der Menschen und der Völker auszudrücken, die die Kirche dazu anleitet, Gott "im Geist und in der Wahrheit" anzubeten (Joh 4, 23). Einige dieser religiösen Formen, die dem Säkularismus widerstehen konnten, dienten vielen als Stütze ihres christlichen Glaubens. Das Wiederaufleben von Bruderschaften, Heiligtümern, Patrozinien und Familienfesten, der Wallfahrten, Prozessionen und anderen religiösen Ausdrucksformen an vielen Orten ist ein Gnadengeschenk des Geistes in diesen Zeiten der geistlichen Dürre. All das wird immer mehr in das eigentliche liturgische Leben der Kirche eingebunden, durch das Christus selbst dem Vater das Werk des neuen und ewigen Bundes darbringt.

Zur öffentlichen Feier Jesu Christi gehören auch die von Eurer Heiligkeit einberufenen Weltjugendtage. Der erste fand in Europa, in Santiago di Compostela (1989), außerhalb von Rom, und der letzte in Paris (1997) statt. Bei diesen Gelegenheiten versammelten sich große Scharen von Jugendlichen, die Christus im Blick hatten und über die Begegnung mit ihm glücklich waren. Die jungen Christen, die aus aller Welt, aber besonders aus unseren europäischen Kirchen kamen, und sich um den Papst und die Bischöfe versammelten, waren lebendiger und verheißungsvoller Ausdruck einer Kirche (und sie werden meiner Meinung nach auch beim Weltjugendtag im kommenden Jahr sein), die im Gebet und Lobpreis Jesu Christi lebt und bereit ist, der Welt die gute Nachricht der Heilsbotschaft zu vermitteln. Auch die Marienheiligtümer sind zu erwähnen. Das gläubige Volk hat sie nie außer acht gelassen, im Gegenteil, die Besucherzahl an diesen Orten wächst, wo die Gläubigen der Mutter Jesu, unseres Herrn Jesus, begegnen wollen. Maria tröstet dort ihre Kinder und stärkt ihren Glauben, damit sie wirklich lebendige Bausteine der Kirche werden. Die Marienverehrung wird auch in den Pfarreien, in den Familien und in den christlichen Vereinigungen als sicherer Weg zu Christus gepflegt, der auf diese Weise zeigt, daß er in seiner Kirche lebt.

3. Die Herrlichkeit, die von der Liturgie, den Sakramenten und dem Gebet schon jetzt im Christenleben vorweggenommen wird, leuchtet im Dienst der Nächstenliebe auf. Denn das Leben der Christen in der Welt, das von der eschatologischen Hoffnung durchdrungen ist, die sich vom Wort Gottes und den Sakramenten nährt, verwandelt sich in einen wahren Lobpreis des Schöpfers.

"Die Glorie Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes", nach einem bekannten Wort des hl. Irenäus (Adv. Haer. IV, 20, 7). Die Gegenwart des verherrlichten, lebendigen Christus in der Kirche wurde und wird auch heute durch die Nächstenliebe jedes einzelnen Christen und der Institutionen offenbar, mit denen die Kirche dem Menschen in seinen geistlichen und materiellen Nöten beistehen will.

Unter diesen Wirklichkeiten ist vor allem die Soziallehre der Kirche und jener Organisationen hervorzuheben, die sie fördern, entwickeln und in die Praxis umsetzen. Eine gewisse, zum Glück kurze Zeit hindurch meinte man voreilig und irrtümlich, daß diese Lehre - so hieß es - von der geschichtlichen Entwicklung überholt worden sei. Nach dem Untergang des realen Sozialismus im Jahr 1989 hat sie wiederum die Wahrheit ihrer Prinzipien bewiesen, die auf der vom Evangelium verkündeten Wahrheit des Menschen gründen. Die Enzyklika Centesimus annus (Nr. 11) lehrt, "daß das, was [...] die ganze Soziallehre der Kirche zuinnerst bestimmt, die richtige Auffassung von der menschlichen Person und ihrem einzigartigen Wert ist, insofern der Mensch [...] auf Erden das einzige von Gott um seiner selbst willen gewollte Geschöpf ist (Gaudium et spes, 24). In ihm hat er sein Bild und Gleichnis eingemeißelt (vgl. Gen 1, 26) und ihm damit eine unvergleichliche Würde verliehen [...]. Jenseits aller Rechte, die der Mensch durch sein Tun und Handeln erwirbt, besitzt er Rechte, die nicht im Entgelt für seine Leistung bestehen, sondern seiner wesenhaften Würde als Person entspringen."

Der Schutz der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person gehört unweigerlich zur Sendung der Kirche. Eure Heiligkeit haben von der ersten Enzyklika Redemptor hominis (1979) an nie aufgehört zu verkünden, daß der Mensch "der erste und grundlegende Weg der Kirche (ist), ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist" (14). Dadurch haben Sie sich zum lebendigen und eindringlichen Sprachrohr der Konzilslehre der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (GS, bes. Nr. 22) gemacht. Vor zwanzig Jahren wurden diese Worte mit besonderem Interesse in jenem Teil Europas vernommen, in dem die totalitären Systeme systematisch die wichtigen Grundwerte wie die Religionsfreiheit, die Gewissensfreiheit, die Versammlungsfreiheit usw. verletzten. Seither hat sich für die Kirche und die Bürger ganz Europas in bezug auf die Menschenrechte vieles entscheidend gewandelt. Dennoch ist festzustellen, daß die Menschenwürde in vielen europäischen Ländern gefährdet und verletzt wird, so daß die Christen weiterhin ihre Stimme erheben und ihr Möglichstes tun müssen, damit sich diese Lage bessert.

Wir danken Gott dafür, daß die Kirche unter dem Antrieb des "Evangeliums des Lebens" mit Hilfe zahlreicher Institutionen und Personen ein klares Zeugnis ablegt für das Recht aller Menschen auf Leben vom Augenblick der Empfängnis an bis zum natürlichen Ende. Gewiß gibt es auch andere, nichtkatholische Gruppen und Einzelpersonen, die in diesem edlen Kampf engagiert sind. Aber leider sind die Erfolge nicht sehr zahlreich, und neue Gefahren steigen am Horizont auf. Die Anwesenheit des auferstandenen Christus unter uns gibt uns die Kraft, nicht den Mut zu verlieren. Wir haben das Beispiel vieler Brüder und Schwestern in Ost- und Mitteleuropa, die jahrzehntelang tapfer um die Grundrechte aller Menschen oft unter heroischen Opfern gekämpft haben,

Im Bereich der Arbeitsbeschaffung gibt es viele Probleme, denen heute unsere Bürger, besonders die Jugendlichen und Frauen, begegnen. Auf ihnen lastet manchmal unerträglich der Mangel einer Arbeit, die ihnen nicht nur ermöglicht zu überleben, sondern so zu leben, wie es des Menschen würdig ist, so daß er seine Fähigkeiten entfalten und sie in den Dienst des Gemeinwohls stellen kann. Auch in diesem Bereich haben die "Caritas" und andere Gruppen und Einzelpersonen zahlreiche Initiativen zur Bildung, Unterstützung und allgemeinen Sensibilisierung für die Sache der Unterdrückten und Armen in Gang gesetzt. Die Tradition der apostolischen Arbeiterbewegungen ist weiterhin lebendig. Ähnliches darf man auch dankbar sagen von der Aufnahme so vieler Arbeiter, die in den vergangenen Jahren in Europa ausgewandert oder von außerhalb gekommen sind. Die Kirche, der Leib Christi, betrachtet sie nicht als auszustoßende Fremdkörper, sondern als Brüder, die wie Christus selbst aufzunehmen sind.

Die karitative Arbeit der Kirche erstreckt sich auch auf den Bereich der sogenannten "neuen Armutsformen", die in den Wohlstandsgesellschaften unserer Länder entstanden sind, so die der Droge, der Aids-Kranken, der arbeitslosen jungen Menschen, der alleinstehenden Ehepartner und der Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen. Christus, der Erlöser, heilt und begleitet weiterhin den geschlagenen und verletzten Menschen, der am Rand des Lebensweges liegen geblieben ist (vgl. Lk 10, 29-37).

Die bevorzugte Option für die Armen gilt auch für die unterernährten Menschen in den Ländern der dritten Welt, denen das Minimum für ein würdiges Leben fehlt. Dort werden die Armen von den Ortskirchen evangelisiert, auch heute noch oft mit Hilfe von Missionaren, die aus unseren europäischen Kirchen stammen. Die jungen Kirchen jener Länder erhalten auch beträchtliche und hochherzige materielle Unterstützung, die vor Ort von den verschiedenen katholischen Verbänden verteilt wird, die dazu den ständigen Spendenbeitrag der Gläubigen verwenden. Das große Interesse für die vielen Brüder und Schwestern in äußerster Not ist zweifellos von der Präsenz dessen geweckt worden, der unter uns lebt und in bezug auf die Notleidenden gesagt hat: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25, 40).

So lebt Christus durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten in den Kirchen Europas. Ich habe bereits auf einige Anzeichen hingewiesen, die das verdeutlichen. Ich möchte den zweiten Teil der Relatio nicht schließen, ohne eine fruchtbringende und vielversprechende Wirklichkeit zu erwähnen, die sich durch Gottes Vorsehung in unseren Kirchen entfaltet: Ich beziehe mich auf die sogenannten neuen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften. Im Laufe des ausgehenden Jahrhunderts hat der Heilige Geist in der Kirche zahlreiche Initiativen von Gläubigen erweckt als Antwort auf die derzeitigen Bedürfnisse und Anforderungen. Einige haben sich in den vergangenen Jahren qualitativ und quantitativ überraschend gut entwickelt. Ihre große Anzahl hat auch einige Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Einbindung in die pastoralen und juridischen Strukturen der Kirche hervorgerufen. Dennoch stellen sie zweifellos ein großes Geschenk Gottes dar, das den europäischen Kirchen neue Impulse für die Evangelisierung gibt. Mit Hilfe ihrer unterschiedlichen Charismen vertreten sie die Kirche in der Welt der Kultur, der Ausgegrenzten, der Ausgeschlossenen, des interkonfessionellen und interreligiösen Dialogs, der Familie, der Jugendlichen, in der Mission "ad gentes" und in den zwischenkirchlichen Räumen, die von den anderen traditionellen Institutionen nicht genügend gedeckt sind. Aus diesen Bewegungen und Gemeinschaften erwachsen viele Berufungen zum Ordensleben und besonders zum Priestertum in unseren Diözesen.

Von Eurer Heiligkeit eingeladen, haben sich die Gründer und Vertreter der neuen Bewegungen und Gemeinschaften am 30. Mai 1998 in Rom versammelt, um ihre kirchliche Gemeinschaft mit Petrus zu bezeugen und ihren Willen zu bekunden, ihre Charismen in den Dienst der Kirche zu stellen. Aus diesem Anlaß richtete der Oberhirt der universalen Kirche an sie folgende Worte: "In unserer Welt, oft von einer säkularisierten Kultur beherrscht, die Lebensmodelle ohne Gott verbreitet und für sie wirbt, wird der Glaube vieler Menschen auf eine harte Probe gestellt und oft sogar erstickt und ausgelöscht. Man empfindet also das dringende Bedürfnis nach einer starken Verkündigung und nach einer soliden und vertieften christlichen Bildung. [...] Wie nötig sind doch heute lebendige christliche Gemeinschaften! Und hier sind sie, die Bewegungen und neuen kirchlichen Gemeinschaften: Sie sind die vorn Heiligen Geist bewirkte Antwort auf diese dramatische Herausforderung gegen Ende dieses Jahrtausends. Ihr seid diese Antwort der Vorsehung" (O.R. dt., Nr. 24, 12. 6. 1998, S. 8). In der Tat sind diese Bewegungen ein deutlicher Hinweis auf die Tatsache, daß die Kirche eine sichtbare geschichtliche Wirklichkeit ist, ein Leib, der von der Gegenwart des Herrn beseelt wird. Sie helfen den Gläubigen, diese Gegenwart als die Neuheit einer personalen Begegnung zu leben, und liefern einen wesentlichen Beitrag zur Neuevangelisierung Europas: Das Zeugnis und Wirken so vieler christlicher Männer und Frauen, die sich zu Christus bekehrt haben und für ihn leben wollen mit der Bereitschaft, seine Wahrheit in der Gemeinschaft des Glaubens zu bekennen; sie feiern seine Geheimnisse, nähren in ihnen ihre Hoffnung, dienen ihm durch ihre in vielfacher Weise gelebte Nächstenliebe und machen in ihrem Leben offenbar, daß jeder Christ zur Heiligkeit berufen ist.

 

III. Das "Evangelium der Hoffnung" durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten verbreiten

Die säkularisierte Kultur, die Europa heute beherrscht, erzeugt im Leben der Menschen und in der Verkündigung des Evangeliums nicht wenige Schwierigkeiten. Aber es gibt auch viele Anzeichen zu berechtigter Hoffnung. Die frühe Kirche der Apostel hatte es gewiß nicht leichter, aber sie war aus dem Pfingstereignis erwachsen. Nun, Pfingsten ist nicht nur ein vergangenes Ereignis, sondern es ist auch heute noch vor allem durch das II. Vatikanische Konzil gegenwärtig. Wir sind davon überzeugt und arbeiten weiter unermüdlich für die Neuevangelisierung (vgl. IL, 52-59).

Heute wird Europa nicht mehr so augenscheinlich von Mauern und totalitären Ideologien getrennt. Dennoch besteht noch eine tiefe Spaltung, die oft schweres menschliches Leid verursacht und neues Unheil androht. Es handelt sich um die Spaltung, die zwischen den Getauften besteht, die den Glauben an Gott leben, und denen, die sich vom Glauben der Taufe entfernt oder ihn nie bekannt haben. Ich erinnere mich noch deutlich an die Worte Eurer Heiligkeit in Santiago de Compostela im Jahr 1982: "Auch. auf religiöser Ebene ist Europa geteilt. Nicht so sehr oder hauptsächlich wegen der Spaltungen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, sondern vielmehr wegen der Abkehr von Getauften und Gläubigen von den tiefen Gründen ihres Glaubens und der lehrhaften und moralischen Kraft der christlichen Lebensanschauung, die den Personen und Gemeinschaften Gleichgewicht garantiert" (Der Apostolische Stuhl 1982, Città del Vaticano / Köln, o. J., S. 815).

Ehrwürdige Brüder, Europa steht heute am Scheideweg: entweder die Umkehr zum Gott unserer Väter, dessen Sohn aus Liebe zum Menschen Mensch geworden ist, oder die Absage an die geistigen Wurzeln, aus deren der wahre europäische Humanismus erwachsen ist. Unsere Aufgabe als Kirche besteht darin, in Wort und Tat den lebendigen Gott, das heißt das Evangelium der Hoffnung, zu verkünden. Im Schlußteil dieser Relatio möchte ich einige Anregungen in bezug auf die Bewältigung dieser Aufgabe geben. Ich halte mich an dieselbe Gliederung wie zuvor und behandle die Methode, in der wir heute in Europa das Evangelium der Hoffnung durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten verbreiten sollen.

1. "Der Dienst am Wort" muß mit besonderer Sorgfalt gepflegt werden. Denn "wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?" (Röm 10, 14). Die Möglichkeiten, die sich heute für diesen Dienst bieten, sind vielfältig und noch weitgehend ungenutzt: Die jüngsten Kommunikationsmittel wie Internet und die neuen Fernsehtechniken, aber auch die gewohnten wie die Presse, die Bücher und das Radio sind Mittel, die noch besser zu nutzen sind. Ebenso ist für den korrekten Sprachgebrauch in den Predigten und Ansprachen eine angemessene Vorbereitung und Ausbildung notwendig. Ich möchte dabei die notwendige innere Einstellung näher erläutern, die für diesen Dienst unerläßlich ist und die heute einen vorrangigen Inhalt der Verkündigung darstellt.

Wir sollen das Evangelium mit starkem und mutigem Glauben verkünden. Natürlich darf man sich dabei nicht ganz auf unsere Mittel und Möglichkeiten verlassen, sondern soll immer den vor Augen halten, dem wir uns anvertraut haben (vgl. 1 Tim 1, 12). "Gottes Wort, durch das alles geschaffen ist, ist selbst Fleisch geworden, um in vollkommenem Menschsein alle zu retten und das All zusammenzufassen. Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte" (Gaudium et spes, 45). Der gegenwärtige Dialog mit der atheistischen Kultur und mit anderen Religionen darf den Christen nicht dazu verleiten, die Tatsache zu bezweifeln, daß Gott sich in Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn des Vaters, in einmaliger und erhabenster Weise dem Menschen zugewandt hat, der so das Heil und die Vollendung seines Daseins empfangen hat (vgl. IL: Beziehungen zum Judentum, Nr. 62; mit den anderen Religionen, Nr. 63, mit dem Islam, Nr. 64).

Die Zeiten der Angst und der Komplexe sind vorbei. Wir sind in unserer Verkündigung und unserer Pastoralarbeit nicht frei von Fehlern, aber wir hoffen, daß wir trotz unserer Schwachheiten den Lohn vom Wort erhalten, das wir verkünden, wenn wir es unverkürzt und getreu anbieten. Wir müssen unbedingt auf das Evangelium vertrauen, das Gottes Kraft ist (vgl. 1 Kor 1, 18-25). Wir dürfen unseren Brüdern diese Kraft nicht nehmen, deren Entmutigung durch den immanenten Humanismus genährt - oder zumindest nicht eingedämmt - wird. Wenn der scheinbare Erfolg der Verheißungen und Lösungen der materialistischen Fortschrittsideologien lange Zeit eine gewisse Anziehungskraft sogar auf diejenigen ausgeübt hat, die zur Verkündigung des Evangeliums berufen waren, können und dürfen wir uns jetzt, Gott sei Dank, von dieser Knechtschaft befreit fühlen. Das offensichtliche Scheitern der charakteristischsten Vertreter dieser Ideologien soll auch uns Dienern des Wortes eine Lehre sein. Es sind Zeichen der Zeit, die uns im Glauben stärken, den wir von den Aposteln empfangen haben: Jesus Christus ist der einzige Erlöser des Menschen.

Die Kirche in Europa muß heute mit ganzer Kraft Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, das Evangelium der Hoffnung, verkünden. Es gibt mehrere Anhaltspunkte, wonach in den kommenden Jahren die unverkürzte, klare und erneuerte Verkündigung des auferstandenen Jesus Christus, der Auferstehung und des ewigen Lebens an erster Stelle stehen sollte. Und das erste Anzeichen dafür ist dieses gewisse Unvermögen, das in dieser Hinsicht beim Dienst am Wort zu verzeichnen war. Haben wir nicht zu wenig und nur lückenhaft von der Herrlichkeit gesprochen, welche die Kirche für ihre Kinder und für die ganze Schöpfung erhofft? Haben wir nicht andererseits die tatsächlich bestehende Möglichkeit der ewigen Verdammnis schweigend übergangen, auf die Jesus Christus selbst mahnend hingewiesen hat?

Ein zweiter Grund, der uns dazu anregt die Verkündigung des letzten Glaubensartikels stärker hervorzuheben, ist die immer häufigere Zuhilfenahme seitens vieler unserer Zeitgenossen, auch der getauften, von Surrogaten der wahren Hoffnung, wie der Glaube an die Reinkarnation, die Astrologie und andere weissagende Praktiken. Drittens sind auch der Hedonismus und der ethische Zynismus, die sehr verbreitet sind, auf den Mangel an jener moralischen Eingebung zurückzuführen, die aus dem Glauben an das ewige Leben erwächst; "dennoch darf die Erwartung der neuen Erde die Sorge für die Gestaltung dieser Erde nicht abschwächen [...], sondern muß sie im Gegenteil ermutigen" (GS, 39, 2). Viertens: Angesichts einer gewissen Ökologie, die kaum humanistisch zu nennen ist, vermeidet es die Hoffnung auf den Himmel, daß diese Erde oder die Natur als absolute Umwelt gesehen wird, in welcher der Mensch sich unweigerlich eingliedern und auflösen muß, und schützt auch vor dem unverantwortlichen Mißbrauch der Ressourcen der Schöpfung Gottes. Schließlich veranlaßt uns auch der paradoxe Skeptizismus, eine daraus erwachsene "Kultur der Freiheit" des Europäers von heute gegenüber den wahren Gründen der freien Entscheidungen des Menschen, dazu, ihn nachdrücklich auf die Dimension der Ewigkeit hinzuweisen, die jeder Schicht seines Menschseins innewohnt, welches zur vollkommenen Gemeinschaft mit Gott berufen ist.

In der Gewißheit, daß wir insbesondere "inmitten einer Zunahme von Indifferentismus und Säkularisierung dazu berufen [sind], Zeugnis für die Werte des Lebens und des Glaubens an die Auferstehung abzulegen, das die ganze christliche Botschaft darstellt" (Johannes Paul II., Botschaft anläßlich des ökumenischen Treffens in Graz von 1997; O.R. dt., Nr. 27, 4. 7. 1997, S. 4), lädt uns das Gesagte dazu ein, über die konkreten Vorschläge nachzudenken, aus denen sich die vorrangige Verkündigung der Auferstehung und des ewigen Lebens ableiten läßt.

Jedenfalls erfordert die Verkündigung des Wortes heute mehr denn je eine angemessene Ausbildung ihrer Amtsträger, so daß sie in erster Linie ihr geistliches Leben ernsthaft pflegen, um fähig zu sein, es zu bezeugen. Es genügt nicht, zuversichtlich zu sein und einige Schwerpunkte zu setzen; es ist auch notwendig, die erforderlichen Werkzeuge vorzubereiten und zu pflegen. Das erste ist, wenn man so sagen darf, zweifellos die Person des Amtsträgers und vor allem der Priester, Diakone, Katecheten und Religionslehrer. Jeder Getaufte muß sich als Zeuge Christi die seinem Stand entsprechende Bildung aneignen, um nicht nur zu vermeiden, daß der Glaube in einem feindlichen weltlichen Umfeld aus Mangel an Pflege verdorrt, sondern auch um das Zeugnis der Evangelisierung zu stützen und anzuregen.

Wie die Enzyklika Fides et ratio betont, bedarf die Bildung der Diener am Wort einer Theologie, die entsprechend ihrem spezifischen disziplinären Status entwickelt und weitergegeben wird, einer Disziplin, die auf der göttlichen Offenbarung gründet und auf ihre Fähigkeiten vertraut sowie für die Metaphysik offen ist. Dieses Wissen kann nicht am Rand der Kirche und noch weniger in Opposition zu ihr, zu ihrer Tradition und ihrem Lehramt gedeihen. Die Theologie entfaltet sich und dient wirklich der Inkulturation des Evangeliums, wenn sie zugleich modern und in der kirchlichen Gemeinschaft verwurzelt ist.

Was die Katechese betrifft, verfügen wir heute über den Katechismus der Katholischen Kirche. Die Katechismen, die den verschiedenen Wirklichkeiten angepaßt sind, finden hier einen sicheren Weg, um sich in Instrumente zu verwandeln, die auf eine ganzheitliche Glaubensbildung abzielen. Die Katecheten, die Hirten und allgemein die Personen mit höherer Bildung werden den Katechismus als Bezugspunkt für ihre Verkündigung des Evangeliums benutzen. Der ausgedehnte Anwendungsbereich des Katechismus für eine in das Leben der Kirche eingebundene katechetische Tätigkeit ist im Allgemeinen Katechetischen Direktorium von 1997 beschrieben. Alle diese Werkzeuge müssen bei der Ausbildung zum Dienst am Wort berücksichtigt werden, wenn man den dringendsten Bedürfnissen des Augenblicks entgegenkommen will: dem unverkürzten und getreuen Gebrauch für den Glauben der Kirche und dem Bedürfnis, für die wahren Probleme des Menschen von heute, dem Gott fehlt und der nach ihm verlangt, eine Antwort zu finden. Sich auf reine Kreativität oder, noch schlechter, auf reine, wenn auch gutgemeinte Improvisation zu verlassen, könnte äußerst schädlich sein.

2. Die Feier der Heilsgeheimnisse stellt das Herzstück der Kirche dar. Der korrekt ausgeübte Dienst am Wort führt zur Feier der Glaubensgeheimnisse und findet vor allem in den Sakramenten und insbesondere in der Eucharistie seinen Ausdruck. Die Verkündigung des Reiches Gottes, der zukünftigen Herrlichkeit, kann sich nicht auf eine reine Verkündigung religiöser oder moralischer Ideen beschränken, sondern muß auf die lebendige Begegnung jedes Gläubigen mit dem auferstandenen Christus vorbereiten, der den Menschen aller Zeiten in den Sakramenten der Kirche nahe ist (vgl. IL, 67). Wir müssen die Liturgie und die Sakramente mit höchster Sorgfalt feiern und die entsprechenden Bedingungen dafür schaffen. Erlaubt mir, ehrwürdige Brüder, einige davon zu nennen.

Erstens ist es notwendig, das Verständnis der wahren Bedeutung der Liturgie und der Sakramente zu fördern, wobei man der in unserer Zeit so verbreiteten Versuchung widerstehen muß, den christlichen Gottesdienst auf eine reine Feier des menschlichen Lebens zu verkürzen und ihn so seiner Heiligkeit zu berauben unter dem Vorwand, daß der Aspekt des Ritus und Kultes des Neuen Bundes überholt sei. Der christliche Kult ist gewiß mit dem Leben verbunden und kann nicht authentisch sein, wenn er sich nicht in Werken der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit ausdrückt; dennoch sind die Liturgie und die Sakramente heilige Handlungen, weil es der dreifaltige Gott selbst ist, der in ihnen handelt zum Aufbau der Kirche und zur Heiligung der Menschen. Es sei darauf hingewiesen, daß die Sakramente eine wertvolle Hinterlassenschaft Christi für seine Kirche sind, die sie mit Verehrung feiert; sie erschafft die Sakramente nicht, sondern nährt sich an ihnen, weil sie aus ihnen die Heilskraft Christi im Heiligen Geist schöpft. Das Weihesakrament, das die Amtsträger zur Eucharistiefeier, "der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" (LG, 11), befähigt, und das Sakrament der "göttlichen Herablassung" (Johannes Paul II., Dominicae cenae, 11) bringt klar das Band des ganzen sakramentalen Lebens der Kirche mit Christus zum Ausdruck. Die Miteinbeziehung der Laien, Männer und Frauen, in neue Aufgaben und kirchliche Ämter soll eine Gelegenheit sein, den sakramentalen Charakter der Kirche noch mehr zu vertiefen, anstatt ihn zu verdunkeln.

Zweitens: Die Feier der Liturgie und der Sakramente erfordert eine angemessene Bildung all derer, die daran teilhaben, der Amtsträger und der Gläubigen. Zur christlichen Initiation gehört ein gewisser Ansatz zur Mystagogik oder eine Einführung in die Feier der Geheimnisse, die nicht zu vernachlässigen ist, auch nicht bei den Kindern. Die Amtsträger sollen dank ihrer Vertrautheit mit der Theologie und mit der liturgischen und sakramentalen Pastoral und angesichts der reichen Vielfalt der von der Kirche anerkannten Formen und Modalitäten des Gottesdienstes die Liturgie und die Sakramente nicht schon als unbeständige Herren, sondern als dankbare und treue Diener der heiligen Geheimnisse feiern.

Drittens: Die aktive Teilnahme aller an der Liturgie und an den Sakramenten, insbesondere an der sonntäglichen Eucharistiefeier, muß den Wünschen des Konzils gemäß gepflegt und angeregt werden. Diese Teilnahme ist nicht mit Personenkult oder Aktivismus zu verwechseln. Es ist wichtig, daß diejenigen, welche die Liturgie und die Sakramente feiern, es mit wahrer innerer Anteilnahme an dem tun, was die Kirche feiert. Deshalb ist neben der theologischen Ausbildung auch die geistliche Formung notwendig. Wie unterschiedlich ist die Eucharistie, wenn sie von Menschen gefeiert wird, die von wahrem Gebetsgeist erfüllt sind, im Vergleich zur mehr oder weniger mechanischen, wenn auch formell korrekten Feier, die oft mit viel Pomp und Unterhaltung verbunden ist!

Viertens: Deshalb ist die Pflege der Spiritualität die "conditio sine qua non" der lebendigen und fruchtbringenden Feier des Glaubens. Der Glaube muß vom Innersten der Person angenommen werden. Es überzeugen und nutzen keine einfachen theologischen Formulierungen oder der sich wiederholende Gottesdienst. Unsere Zeitgenossen sind der oberflächlichen Angebote und sinnlosen atemberaubenden Lebensrhythmen müde und brauchen kräftige Nahrung für den Geist; sie sehnen sich nach einer wahren und erfahrbaren Gottesbegegnung. Und leider suchen sie das oft in esoterischen Bewegungen oder neuen synkretistischen Formen der sogenannten "östlichen Spiritualität". Unsere großen europäischen spirituellen Traditionen benediktinischer, karmelitanischer und ignatianischer Herkunft usw. sowie die der neuen Bewegungen und Gemeinschaften haben viel zu bieten, damit die Feier des Geheimnisses Christi, gestaltet und gelebt im Geist und in der Wahrheit, weiterhin eine wahre Quelle der Hoffnung für die dürstenden Seelen der Menschen von heute und morgen sein kann.

Ich beschließe diesen Abschnitt über die Gottesdienstfeier mit einem Hinweis auf das Sakrament der Versöhnung und der Vergebung. Das Sakrament der Buße soll eine grundlegende Rolle beim Wiederentdecken der Hoffnung spielen. Nur derjenige, der die Gnade eines neuen Anfangs empfängt, kann auf dem Lebensweg fortschreiten, ohne daß er sich in das eigene Elend einkapselt. Ist nicht eine der Ursachen der Entmutigung und Verzweiflung von heute darin zu suchen, daß wir unfähig sind, uns als Sünder zu bekennen und uns vergeben zu lassen? Und beruht nicht diese Unfähigkeit auf der Einsamkeit, in der so viele so leben, als gäbe es Gott nicht, das heißt mit sich und für sich allein, ohne jemanden, den man um Vergebung bitten könnte und wollte?

Die Wiederbelebung des Sakraments der Versöhnung, unverkürzt und getreu der Konzilslehre gelebt, die keineswegs das ehrliche und konkrete Sündenbekenntnis überflüssig macht, sondern es voraussetzt und notwendigerweise einschließt, wird immer dringender, wenn man auf dem Weg der Evangelisierung Europas vorankommen will. Die neue Begegnung des Christen mit der Heilsgnade Jesu Christi, der uns zum Haus des barmherzigen Vaters führt, unseres Ursprungs und unserer letzten Bestimmung, der ewigen Quelle der Hoffnung (vgl. Johannes Paul II., Dives in misericordia), führt über das würdig gelebte und gefeierte Sakrament der Versöhnung.

3. Zeugnis und Feier des "Evangeliums der Hoffnung" bedeuten auch Dienst, der im Dienst am Menschen zum Ausdruck kommt. Gewiß sind der Dienst an Gott und der Dienst am Menschen nicht identisch, auch die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen nicht, aber sie sind nicht voneinander zu trennen. Die Gemeinschaft mit Gott ist weder wahrhaftig noch real, wenn sie nicht die Gemeinschaft mit seinen Kindern, unseren Brüdern und Schwestern, einschließt. Die Heiligen haben immer ihren Charismen entsprechend diese beiden Weisen der Liebe und des Dienstes unverkürzt und ungetrennt gelebt. Europa braucht neue Heilige, Menschen, die sich nicht zu einer Nächstenliebe verleiten lassen, die zu einer rein diesseitsbezogenen Philanthropie verkürzt wird, sondern das christliche Leben in seiner ganzen Schönheit und seinem ganzen Glanz leben, es dort leben, wohin Christus sie gesandt hat: in der Welt der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, der Arbeit, im Bereich der Industrie, auf dem Land oder in der Stadt. Jede Arbeit und jede Beschäftigung, nicht nur der Dienst am Wort und an den Sakramenten, verwandeln sich in Apostolat, wenn sie als Dienst am Evangelium gelebt werden.

Die berufliche Tätigkeit der Christen in der Politik und in öffentlichen und sozialen Ämtern wird äußerst dringlich durch den schon weit fortgeschrittenen Einigungsprozeß Europas auf den unverkennbaren Fundamenten der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Wie zur Zeit der sogenannten "Väter Europas", von denen einige bald zur Ehre der Altäre erhoben werden, müssen die Christen von heute weiterhin dahingehend wirken, daß die Soziallehre der Kirche in die Strukturen des vereinten Europas eingebunden wird. Heute ist diese Lehre sogar noch gültiger als vor fünfzig Jahren, als der Europarat gegründet wurde, die älteste der derzeitigen europäischen Institutionen. Wir begrüßen die verdienstvollen Anstrengungen, die innerhalb und außerhalb des institutionellen Rahmens der Europäischen Union gemacht werden, um zu einer Rechtsordnung Europas zu gelangen, die sich immer klarer herausbildet und die in engem Zusammenhang mit der Menschenwürde steht, einem weiteren Stützpfeiler der Soziallehre der Kirche. Aber es ist noch viel zu tun. Die uns gestellte Aufgabe ist gewaltig, eine wahre geschichtliche Herausforderung für die Katholiken und für alle, die dem Menschen dienen. Ich möchte an die Grundaspekte erinnern, die von Eurer Heiligkeit in der Ansprache vom 29. März an die Parlamentarische Versammlung des Europarates hervorgehoben wurden.

Es gibt noch viel zu tun, bis "das grundlegendste aller Rechte, nämlich das Recht auf Leben für jede Person", anerkannt "und die Todesstrafe abgeschafft wird. Dieses erste und unantastbare Recht auf Leben beinhaltet nicht nur, daß jeder Mensch überleben kann, sondern auch, daß er unter gerechten und würdigen Bedingungen leben kann. Insbesondere: Wie lange müssen wir noch darauf warten, daß das Recht auf Frieden in ganz Europa als Grundrecht anerkannt und von allen Verantwortlichen des öffentlichen Lebens in die Praxis umgesetzt wird?" (O.R. dt., Nr. 17, 23. 4. 1999, S. 12), fragte Eure Heiligkeit.

Damals sagten Sie, und wir rufen es hier in Erinnerung, daß es ebenso wichtig sei, "die Realisierung einer ernsthaften Familienpolitik, welche die Rechte der Eheleute und Kinder gewährleistet, nicht zu vernachlässigen. Das ist für den sozialen Zusammenhalt und die Stabilität besonders notwendig. Ich fordere die nationalen Parlamente auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um die grundlegende Zelle der Gesellschaft, nämlich die Familie, zu unterstützen und ihr den ihr gebührenden Platz einzuräumen; sie ist der allererste Ort der Sozialisierung und auch ein Kapital an Sicherheit und Vertrauen für die kommenden Generationen Europas."

Welche Hoffnung kann Europa für seine Zukunft haben, wenn die traurige und oft verheerende geistige und materielle Situation so vieler Familien sich in einen Geburtenrückgang auswirkt, der nicht einmal für den Generationswechsel ausreicht; oder wenn man, noch schwerwiegender, die vorrangige Rolle der Familie durch die Anerkennung der sogenannten "freien Lebenspartner" in Frage stellt?

In diesen beiden Bereichen, in dem des Rechts auf Leben und dem der Familienrechte, erlauben die Aufgaben und der Einsatz auch der Hirten der Kirche keine Verzögerungen und keine unklaren Stellungnahmen (vgl. IL, 75-82). Denn es ist notwendig, eine soziale, kulturelle und rechtliche Politik zu betreiben, die immer auf dem Prinzip der Subsidiarität gründet; ebenso notwendig sind Pastoralprogramme, die eindeutig auf die Achtung der vollen Würde der menschlichen Person und ihrer Grundansprüche abzielen: zu leben, zu wachsen, sich zu bilden und sich in einem von Liebe und Hoffnung erfüllten Leben zu entfalten, das des Menschen als Kind Gottes würdig ist; eine Hoffnung, die aus dem Ostergeheimnis Jesu Christi entspringt, der lebt und gegenwärtig ist in seiner Kirche.

Es ist gewiß kein geringer Dienst, den das Evangelium der Hoffnung von uns in anderen Bereichen fordert. Die Kinder, die Jugendlichen, die ältere Generation, die Kranken, die Behinderten, die Arbeitslosen, sie alle brauchen menschliche und christliche Nähe, um Hoffnung zu haben, die nicht zugrunde gehen läßt.

Schließlich ist erneut hervorzuheben, daß die Kirche auch dazu beitragen will, daß Bande der Solidarität und uneigennütziger Zusammenarbeit innerhalb Europas und mit den Völkern in der übrigen Welt, vor allem mit den ärmsten, geknüpft werden. Man muß sich darum bemühen, daß die Länder des ehemaligen kommunistischen Ostblocks nach und nach den europäischen Standard und seine Institutionen einholen, ohne auf die eigenen geschichtlichen und kulturellen Besonderheiten zu verzichten. Die hochherzige Solidarität steht im krassen Gegensatz zur Bedrohung durch nationalistische Phantasmen. Wir müssen die Lehre aus den dramatischen Ereignissen unserer jüngeren Geschichte ziehen, welche die Ursache des Zweiten Weltkriegs bildeten, als "die [...] so intensiv betriebene kultische Verherrlichung von Volk und Nation, die gleichsam zu einem neuen Götzendienst wurde, [...] in jenen sechs schrecklichen Jahren eine grauenhafte Katastrophe hervorgerufen [hat]" (Johannes Paul II., Botschaft anläßlich des 50. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs; O.R. dt., Nr. 20, 19. 5. 1995, S. 8).

Europa darf sich nicht in eine Art von paneuropäischem Nationalismus einkapseln. Seine Verpflichtungen zur Solidarität gegenüber den Völkern, die unter äußerstem Mangel leiden und unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben, sind bekannt. Der für das gemeinsame humanistische europäische Erbe typische Universalismus muß in der großzügigen Hilfe für die vielen Völker wirksam werden, die mit Europa oft durch geschichtliche und kulturelle Bande verknüpft sind und nicht ihrem Schicksal überlassen oder nur als Absatzmärkte im Interesse unserer sogenannten Wohlstands- und Konsumgesellschaften dienen dürfen.

Alle diese Verpflichtungen müssen von einem strengen intellektuellen und kulturellen Apostolat begleitet und gestützt werden. Die Aufgabe, die den Wissenschaftlern im allgemeinen und denen der Humanwissenschaften im besonderen gestellt wird, ist gewiß gewaltig. Sie müssen das wahre Wissen über den Menschen erforschen, das auf einer echten Liebe zur Wahrheit und zu jeder menschlichen Person geprägt ist. Ein Wissen, das feste Gründe für das Zusammenleben in Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden liefert und die Gefahr des Relativismus, Skeptizismus und Hedonismus bannt. Ehrwürdige Brüder, für das Jahr 2000 der christlichen Zeitrechnung müssen wir unsere Kirchen erneut aufrufen, das Evangelium der Hoffnung im Europa von heute durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten zu verbreiten. Denn Jesus Christus, dessen Glaube die Europäer jahrhundertelang zu vielversprechenden Plänen und Idealen angeregt hat, lebt weiter in seiner Kirche. Ich habe eure Aufmerksamkeit auf einige Punkte gelenkt, über die es bei diesem neuen Aufruf an der Schwelle des Jahres 2000 der christlichen Zeitrechnung nachzudenken gilt. Erlaubt mir, diesen dritten Teil mit einigen allgemeinen Anregungen abzuschließen, die für unser ganzes Evangelisierungswerk von Nutzen sein könnten.

1. Die Neuevangelisierung in Europa muß von der engen Gemeinschaft aller Ortskirchen mit Petrus und untereinander ausgehen. Anders kann es nicht sein, vor allem zu einem Zeitpunkt, wo alle unsere Lebensbereiche miteinander verbunden sind. Die Einheit und gegenseitige Kenntnis der Kirchen ist schon ein wichtiger Beitrag zur Einigung der Völker Europas. Die kirchlichen Organisationen auf europäischer Ebene, wie der Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und die Kommission der Bischöfe der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), spielen in diesem Bereich eine wichtige Rolle.

2. Der ökumenische und interreligiöse Dialog ist eine weitere Dimension, welche die Evangelisierungstätigkeit der Kirche in Europa auszeichnen muß. Was die Synode von 1991 dazu erklärt hat, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Eure Heiligkeit rufen unermüdlich zu diesem beständigen und geduldigen Dialog auf: Sie sagten im Februar des vergangenen Jahres vor dem Gemeinsamen Komitee des Rates der europäischen Bischofskonferenzen und der Konferenz der Kirchen Europas, daß "das Zeugnis der Einheit [unter den Christen] ein wesentliches Erfordernis einer wahren und tiefen Evangelisierung ist" (O.R. dt., Nr. 11, 13. 3. 1998, S. 12).

3. Schließlich ist die Pastoral der Berufungen zu berücksichtigen. Ohne ausreichende Berufungen zum geweihten Amt und zum geweihten Leben ist keine neue und nachdrückliche Evangelisierung möglich. Und, umgekehrt, die entschlossene, apostolisch engagierte und ganzheitliche Evangelisierung ist das beste "Programm" für die Pastoral der Berufungen. Wenn den jungen Menschen die Person Jesu Christi in ihrer ganzen Fülle vorgestellt wird, wird in ihnen eine Hoffnung geweckt, die sie dazu antreibt alles zu verlassen und ihm zu folgen, auf seinen Ruf Antwort zu geben und ihn vor ihren Altersgenossen zu bezeugen, die an Leib und Seele durch den kulturellen Niedergang unserer Tage Schaden nehmen. Es geht nicht nur um eine theologische Aufgabe, sondern um eine Tatsache, die tagtäglich in den neuen kirchlichen Bewegungen und an allen Orten bewiesen wird, wo ein angemessenes Umfeld für eine lebendige Begegnung mit dem Erlöser gegeben ist.

 

Schluß

Europa, auf dem "trotz der Botschaft seiner Geistesgrößen das bedrückende und grauenhafte Drama der Sünde" spürbar lastet, (Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des internationalen Kolloquiums "Die gemeinsamen christlichen Wurzeln der europäischen Nationen", 6. November 1981; in: Johannes Paul II., Wort und Weisung 1981, Città del Vaticano / Kevelaer 1982, S. 602), durchlebt eine schwierige Phase, eine geschichtliche Wende. Die oft nicht eingestandene, aber augenscheinliche Verzweiflung in Situationen, wie sie aus der familiären und demographischen Krise erwachsen, betrifft alle Bereiche der Gesellschaft, besonders die Jugendlichen ohne Arbeit oder ohne Aussicht auf eine Sinngebung für ihr Leben.

Die Einheit und der Frieden des Kontinents schreiten, Gott sei Dank, weiter fort und festigen sich in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Bereichen; dennoch können und dürfen wir nicht die Gefahr außer acht lassen, die aus den ständig sich fortsetzenden Verletzungen der menschlichen Grundrechte und den Problemen des Krieges, den egozentrischen Nationalismen und von Phänomenen der Migrationen hervorgerufen werden.

Die Kirche, die an das Schicksal Europas seit Beginn der Evangelisierung gebunden ist, verfolgt diese Situation mit großer Besorgnis. Dennoch gibt es viele Anzeichen, die unsere Hoffnung nähren, die einzig auf dem Glauben an Jesus Christus gründet. Er hat sich durch seine Menschwerdung, deren 2000jährige Wiederkehr wir im Heiligen Jahr 2000 feiern, in gewisser Weise mit allen Menschen verbunden. Viele Europäer haben in ihm den Sinn ihres Lebens gefunden, haben eine Kultur mit tiefen christlichen Wurzeln geschaffen und das Evangelium in der ganzen Welt verbreitet. Und heute bekennt die Kirche in Europa weiterhin Jesus Christus durch die Feier der Geheimnisse und den Dienst am Nächsten.

Die Kirche schickt sich an, Europa das ihr anvertraute Glaubensgut mit neuer Kraft anzubieten. Aus Liebe zu jedem Menschen und jedem Volk Europas und aus Treue zu ihrer Sendung wird sie nicht zulassen, daß die Quelle der Hoffnung versiegt, die sie nicht für sich allein behalten will. Angesichts der Entmutigung unserer Völker, deren tiefste Wurzel in der fortschreitenden Abkehr von Gott, von Jesus Christus, zu suchen ist, möchte die Kirche erneut allen jene Hoffnung anbieten, die ihr anvertraut wurde und deren Trägerin sie ist: Jesus Christus, der in ihr lebt.

Dafür und für die Arbeit unserer Versammlungen erflehen wir die Fürsprache Marias und der Heiligen. Maria, die Mutter Jesu Christi und die Mutter der Kirche und der Stern der Neuevangelisierung. Die Heiligen, die von Europa aus das Licht des Evangeliums verbreiteten, unter denen ich den hl. Ignatius von Loyola und die hl. Theresia von Avila anrufen möchte, denen im vergangenen und in diesem Jahrhundert zwei bedeutende Töchter gefolgt sind, die hl. Theresia vom Kind Jesu und die hl. Teresia Benedicta vom Kreuz. Er, Ignatius, Begründer der neuzeitlichen Apostel; sie, Theresia, geistliche Lehrerin der Kontemplation des Wortes des Lebens. Wir bitten auch die Heiligen, die das Feld der Erstevangelisierung bereitet haben, insbesondere die Patrone Europas, die hll. Benedikt, Cyrill und Method. Und durch die Fürsprache Marias und der Heiligen ist Jesus Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle der Hoffnung für Europa.

(Orig. lat., ital. in O.R. 3. 10. 1999)