Pontificium Consilium de Legum Textibus Interpretandis

 

(Aus L'Ossevatore Romano deutsch Nr. 29/30 vom 16. Juli 1999 / lat. Interpretation aus L'Osservatore Romano vom 9. Juli 1999).

 

Der Schutz der Allerheiligsten Eucharistie

Bezüglich der authentischen Auslegung der cann. 1367 CIC und 1442 CCEO, die heute im "L'Osservatore Romano" veröffentlicht wird (vgl. u.), ist auf folgendes hinzuweisen:

1. Mit einer genauso knappen wie reichhaltigen und prägnanten Formulierung hat das II. Vatikanische Konzil festgestellt: "Die heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle" (Presbyterorum ordinis, 5). Und der Kodex des kanonischen Rechtes, der die reichhaltigen Unterweisungen des Konzils zu dieser Frage und das Lehramt der Kirche fortwährend zusammenfaßt, bestimmt: "Das erhabenste Sakrament ist die heiligste Eucharistie, in der Christus der Herr selber enthalten ist, als Opfer dargebracht und genossen wird; durch sie lebt und wächst die Kirche beständig" (can. 897); deshalb sind "die Gläubigen zu größter Wertschätzung der heiligsten Eucharistie gehalten, indem sie (...) in tiefer Andacht und häufig dieses Sakrament empfangen und es mit höchster Anbetung verehren" (can. 898).

So versteht man die Sorge und das Bemühen de Hirten der Kirche, damit dieses unschätzbare Geschenk tief und fromm geliebt, geschützt und mit jener Verehrung umgeben ist, die der menschlichen Begrenztheit den Glauben an die wirkliche Gegenwart Christi - Leib, Blut, Seele und Göttlichkeit - in den eucharistischen Gestalten auf die bestmögliche Weise nahebringt, und dies auch nach der Feier des heiligen Opfers.

2. Wie die Gläubigen aufgefordert sind, diesen Gauben durch Handlungen, Gebete und würdevoll geeignete Gegenstände zum Ausdruck zu bringen, so wird empfohlen, daß jede Nachlässigkeit oder Geringschätzung, die Zeichen eines verminderten Bewußtseins für die göttliche Gegenwart in der Eucharistie sind, sorgfältig aus dem Verhalten der geweihten Amtsträger und der Gläubigen ausgeschlossen werden. Es erscheint hingegen nötig, daß in unserer Zeit, die auch in der persönlichen Beziehung zu Gott von Eile geprägt ist, die Katechese das Christenvolk zu einer vollendeten eucharistischen Verehrung zurückführt. Sie soll nicht auf die Teilnahme an der heiligen Messe und auf die Kommunion nach den entsprechenden Bestimmungen beschränkt sein, sondern auch die häufige - persönliche und gemeinschaftliche - Anbetung des Allerheiligsten beinhalten, sowie eine liebevolle Fürsorge, damit der Tabernakel, in dem die Eucharistie aufbewahrt wird, sich auf einem Altar oder an einem anderen, gut sichtbaren Ort der Kirche befindet, mit wirklich würdigem Aussehen und passend geschmückt, damit er zum Anziehungspunkt wird für jedes Herz, das Christus liebt.

3. Im Gegensatz zu so einer tiefen Verehrung für das lebendige, vom Himmel herabgekommene Brot kommt es zuweilen - es hat sie schon manchmal gegeben und es gibt sie noch immer - nicht nur zu beklagenswerten disziplinarischen Mißbräuchen, sondern sogar zu Gesten der Verachtung und Schändung durch die Personen, die - fast schon unter satanischem Einfluß - sich anmaßen, das, was die Kirche und das gläubige Volk als ihr Heiligstes bewahren, verehren und lieben, auf diese Weise zu bekämpfen.

Um diejenigen, welche sich von solchen Empfindungen irreleiten lassen könnten, von ihrer Absicht abzubringen, fordert die Kirche einerseits die Gläubigen auf, jede Form von beklagenswerter Vernachlässigung und Achtlosigkeit zu vermeiden; andererseits sieht sie auch den höchst unerfreulichen Fall solcher Taten vor, die aus Haß und als Schmähung vorsätzlich gegen das allerheiligste Sakrament gerichtet sind. Aufgrund ihres Gegenstands sind solche Taten ohne Zweifel als sehr schwere sittliche Schuld des Sakrilegs zu betrachten. Der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert: "Eine besonders schwere Sünde ist das Sakrileg dann, wenn es sich gegen die Eucharistie richtet, denn in diesem Sakrament ist der Leib Christi substantiell gegenwärtig" (Nr. 2120).

4. In bestimmten Fällen stellen diese Sakrilegien - nach den Bestimmungen sowohl der lateinischen wie der orientalischen kirchlichen Gesetzgebung - sogar wirkliche Straftaten dar, die daher mit einer Strafe verbunden sind. Das sieht can. 1367 CIC vor, dem - mit den Änderungen, die sich aus jener Gesetzgebung ergeben - can. 1442 des CCEO entspricht.

Der Text von can. 1367 lautet folgendermaßen: "Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; ein Kleriker kann außerdem mit einer weiteren Strafe belegt werden, die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen."

5. In Anbetracht der verschiedenen Übersetzungen, die vom Kodex des kanonischen Rechts angefertigt worden sind, mit den daraus folgenden verschiedenen Nuancierungen der Worte jeder Sprache, wurde an diesen päpstlichen Rat die Frage gestellt, ob das Wort "abicit" nur in seinem eigentlichen - aber enggefaßten - Sinn als "Wegwerfen" der eucharistischen Gestalten verstanden werden soll oder eher im allzu allgemeinen Sinn von "Profanieren". Unter Beibehaltung der beiden straftätlichen Sachverhalte der Entwendung ("abducit") oder Zurückbehaltung ("retinet") der eucharistischen Gestalten - in beiden Fällen "mit sakrilegischer Absicht" - wurde eine authentische Auslegung des ersten Tatbestands angefordert, die mit dem Verb "abicit" dargestellt wird. Nach gründlicher Untersuchung wurde die nachfolgende authentische Interpretation erarbeitet und vom Heiligen Vater bestätigt, der deren Veröffentlichung angeordnet hat (vgl. can. 16 § 2 CIC; can. 1498 § 2 CCEO).

Das Verb "abicit" soll nicht nur in seinem engeren Sinne als "Wegwerfen" und auch nicht im allgemeineren Sinne als "Profanieren" gedeutet werden, sondern im weitesten Sinne als "Verachten", "Verschmähen", "Herabwürdigen". Es begeht also derjenige die schwere Straftat des Sakrilegs gegen den Leib und das Blut Christi, der die eucharistischen Gestalten mit sakrilegischer (unanständiger, abergläubischer, gotteslästerlicher) Absicht fortträgt und / oder einbehält, oder wer sie, auch ohne sie aus dem Tabernakel, der Monstranz oder dem Altar zu entfernen, zum Gegenstand jedweden äußerlichen, absichtlichen und schwerwiegenden Aktes der Verunglimpfung macht. Wer sich dieses Vergehens schuldig macht, zieht sich in der lateinischen Kirche die Strafe der Exkommunikation "latae sententiae" (d. h. als automatische Folge - Tatstrafe) zu, deren Nachlaß dem Hl. Stuhl vorbehalten ist, und in den katholischen Ostkirchen die Exkommunikation "ferendae sententiae" (d. h. sie muß gerichtlich verhängt werden - Spruchstrafe).

6. Es ist nicht müßig, daran zu erinnern - wie auch oben schon angedeutet -, daß die "Sünde" des Sakrilegs nicht mit der "Straftat" des Sakrilegs verwechselt werden darf, denn nicht alle solche Sünden sind auch als Straftaten zu werten. Die kirchenrechtliche Lehre sieht vor, daß die Straftat eine "äußerliche und zurechenbare" Verletzung eines Gesetzes der Kirche ist, die üblicherweise eine Strafe nach sich zieht. Es finden also alle Bestimmungen über Umstände der Milderung oder Rechtfertigung Anwendung, die in den - lateinischen und orientalischen - Codices festgeschrieben sind. Insbesondere muß bemerkt werden, daß das Vergehen des Sakrilegs, von dem hier die Rede ist, eine "äußerliche", aber nicht unbedingt "öffentliche" Handlung beinhalten muß.

7. Auch dann, wenn die Kirche sozusagen "gezwungen" ist, eine Strafe zu verhängen, ist sie stets von der Notwendigkeit veranlaßt, die moralische Integrität der kirchlichen Gemeinschaft zu wahren und das spirituelle Wohl sowie die Besserung der Straftäter zu fördern; in diesem Falle tut sie es aber auch und vor allem, um das größte Gut zu schützen, das sie von der göttlichen Barmherzigkeit erhalten hat, nämlich den Herrn Christus selbst, der in der heiligsten Eucharistie zum "Brot des Lebens" (vgl. Joh 6, 27) wird.

+ Julián Herranz
Titularerzbischof von Vertara
Präsident

(Orig. ital. in L'Osservatore Romano vom 9. Juli 1999).

 

 

Patres Pontificii Consilii de Legum Textibus Interpretandis, in plenaria coetu diei 4 iunii 1999, dubio, quod sequitur, respondendum esse censuerunt ut infra:

D. Utrum in can. 1367 CIC et 1442 CCEO verbum "abicere" intelligatur tantum ut actus proiciendi necne.

R. Negative et ad mentem.

Mens est quamlibet actionem Sacras Species voluntarie et graviter despicientem censendam esse inclusam in verbo "abicere".

Summus Pontifex Ioannes Paulus II in Audientia diei 3 iulii 1999 infrascripto Praesidi impertita, de supradicta decisione certior factus, eam confirmavit et promulgari iussit.

+ IULIANUS HERRANZ
Archiepiscopus titularis Vertarensis, Praeses

+ BRUNO BERTAGNA
Episcopus titularis Drivastensis, a Secretis