Revue de droit canonique

Band 50 (2000), Heft 1 (erschienen 2002)

 

Inhalt

 


 

Zusammenfassungen

 

Richard Puza, Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Die weitere Präsenz des Kruzifixes in den Schulen

Die Regierung des Landes Bayern hat versucht, als sie am 13. Dezember 1995 das Schulgesetz novellierte, die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes engstens anzuwenden, um das Kruzifix in den Klassenzimmern zu erhalten. Der Kompromiss zwischen jenen, die an der christlichen Tradition Bayerns festhalten wollen, und jenen, die den Respekt vor der Minderheit fordern, bleibt gering

 

Jean-Marie Woehrling, Kulturelle Neutralität und kultureller Auftrag des Staates. Reflexionen über die Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichtses über das Kruzifix in den Schulen

Im Unterschied zu Frankreich, wo der Staat den religiösen Bereich ignoriert, kooperiert Deutschland, obwohl religiös neutral, aktiv mit den großen christlichen Religionen, die als Erben der Mehrheitskultur betrachtet werden. Deshalb hat das deutsche Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Kruzifix in den Klassenzimmern nicht nur ein kulturell traditionelles Symbol ist, sondern eben das unterscheidende Zeichen einer bestimmten Religion und dass es daher nicht allen Bürgern auferlegt werden kann. Dies lässt die Frage nach den Beziehung von Staat und Gesellschaft stellen.

 

Jean-Marie Tuffery, Die Ausübung der katholischen Kultpolizei am Niederrhein von 1801 bis 1870

Im Gefolge des Konkordats von 1801 und der Organischen Artikel von 1802 kollaboriert die katholische Kirche mit dem Staat um die öffentliche Ordnung zu überwachen, besonders vom Zeitpunkt des Wiedererstehens des Katholizismus als Staatsreligion im Jahr 1814 ab. Diese Kollaboration ist bis 1830 sehr eng, wie es die Regulierung des Glockenläutens und der Prozessionen zeigt. Mit der 1830 erfolgten Einführung der Religionsfreiheit werden die Beziehungen zwischen Bischof und Präfekt episodenhafter und verlieren ihren privilegierten Charakter.

Emmanuel Tawil, Der recursus ab abusu in den drei konkordatären französischen Departments

Das Verfahren des recursus ab abusu wurde in Frankreich durch das Gesetz von 1905 abgeschafft. Es wurde nicht formell in den drei konkordatären Departments abgeschafft, ist aber dort nie mehr seit 1918 angewendet worden. Eine Reihe von Autoren und die staatliche Verwaltung selbst nehmen an, dass es nicht mehr anwendbar ist, weil es keine zuständige Autorität gibt, oder weil es durch desuetudo außer Kraft getreten ist. Nichts spricht aber dagegen, dass es wieder aufleben könnte, wobei der Conseil d´État zuständig wäre. Dann müsste festgelegt werden unter welchen Bedingungen die Eröffnung solcher Fälle mit dem heutigen öffentlichen Recht vereinbar wäre.

Marc Aoun, Die gesetzliche Anerkennung von religiösen Kongregationen in Elsass-Lothringen im Lichte der Entscheidung des Conseil d`État vom 16 November 1993

In der Folge eines Entscheidung des Conseil d`État vom 16. November 1993 können religiöse Kongregationen, die ihren Sitz im Elsass oder in Lothringen haben, durch Dekret des Ministerpräsidenten anerkannt werden. Die Franziskanischen Schwestern von Rheinacker haben diese Möglichkeit sofort ausgenützt, aber auch nichtkatholische Gemeinschaften, wie zum Beispiel die protestantischen Diakonissen von Neuenberg.

Francis Messner, Die neuen Entwicklungen des lokalen Rechts der religiösen Kulte im Elsass und in Lothringen

Das lokale Recht der religiösen Kulte hat nach einer langen Periode der Unbeweglichkeit mehrere Entwicklungen im Wege gesetzlicher Regelungen seit 1986 erfahren. Zuletzt ist ein Dekret vom 10. Januar 2001 zu nennen, das im Ganzen eine Ansammlung von Vorschriften ist, die die vier anerkannten religiösen Kulte betreffen. Diese durchaus notwendige Reform hat aber die Beziehungen von Staat und religiösen Kulten überhaupt nicht grundsätzlich geändert, im Gegensatz zu Änderungen, die in anderen Staaten der Europäischen Union erfolgt sind.

Michel Legrain, Zivile und religiöse Eheschließung. Kann man in der Kirche heiraten, ohne vorher im Rathaus gewesen zu sein?

Das französische Strafgesetzbuch von 1810 hat sehr strenge Strafen für jene Religionsdiener vorgesehen, die religiösen Eheschließungen ohne vorhergehender Zivilehe vornahmen. Diese Vorschriften wurden durch das neue Strafgesetzbuch von 1994 ziemlich abgeschwächt : Nur der Kultdiener, der es sich zur Gewohnheit macht ("de manière habituelle") solche Zeremonien vorzunehmen, riskiert eine Verurteilung. Deshalb ist es heute nicht mehr notwendig, auf die von dem kanonischen Recht vorgesehenen Schlupflöcher (wie z.B. geheime Eheschließung u.s.w.) zurückzugreifen. Die Priester können, unter der Bedingung, dass keine Gewohnheit (Brauch) entsteht, Eheschließungen in der Kirche ohne vorhergehende zivile Eheschließung assistieren.

Edoardo Dieni, Geist des Systems und widerständige Aporien im kanonischen Eherecht

Das kanonische Recht ist gekennzeichnet durch die biologistische (juscorporaliste) Sicht von der Ehe, d.h. durch die Idee, dass die Ehe wesensmäßig ein Vertrag ist, der das jus in corpus betrifft, das gegenseitige Recht auf den Körper des Ehegatten. Diese Sicht von der Ehe, die durch Kardinal Gasparri gefördert wurde, hat ihren Höhepunkt im Codex iuris canonici von 1917 erfahren, und besteht weiter im Codex iuris canonici von 1983 und vor allem in der Rechtssprechung der kirchlichen Gerichte. Das bedingt eine Reihe von theoretischen Problemen, die nicht alle schon gelöst sind : Impotenz und Sterilität, Unterscheidung zwischen ius und usum iuris, Josephsehe und bonum prolis, augustinische Lehre von den tria bona matrimonii, Unterordnung der Frau in der Ehepartnerschaft, etc. Das Überstülpen des Personalismus auf die biologistischen Strukturen hat eigentlich nur zu Verwerfungen des Systems geführt. Von dort her stellt sich die Frage der Wirksamkeit des kanonischen Eherechtes und seiner Verständnishaftigkeit durch die Gläubigen.

Übersetzung: Richard Puza